19.12.2019

Briefe



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ID: 18662 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 09.06.1891
 

Berlin den 9. Juni. 91.

Meine geliebte theure Freundin

Joachim theilte uns Ihren lieben schmerzerfüllten Brief mit! So haben Sie nun auch diesen Kelch geleert, u. Ihr armer Ferdinand hat ausgerungen. Zu allem Schweren, das Ihnen beschieden ward auszuhalten, ist nun auch dies gekommen, aber Sie, der urkräftige herrliche Stamm stehen ungebrochen da u. werden sich auch diesmal herausfinden aus den Stürmen in die Bucht, in die nichts dringt als was die harmonisch gestimmte, nie alternde, vom altem Feuer immer erglühende Seele brauchen kann. Gott segne Sie u. Ihr Eiland u. gebe Ihnen für Zeitliches u. die liebe ewige Kunst immer neue Kraft. Daß ich Ihnen nicht für den gar so lieben Brief kurz vor dem Aufbruch nach B.Baden dankte kann ich mir nicht verzeihen, aber ein so ewiges Siechthum wie Meines macht laß, auch wo man am intensivsten empfindet. Ab u. zu ging es ja immer besser <>aber es dauerte immer so kurz u. ich kann die Rückfälle seit der einen großen Besserung gar nicht mehr zählen.
Jetzt grade geht es wieder so schlecht daß heute Gerhard der große Mann auf der Bildfläche erschien – er wußte nichts Neues, aber er bestätigte in Allem u. Jedem das was Schmidtlein angeordnet hatte, vor allem Nauheim. Dort sollte ich schon sein, aber die Kräfte reichten nicht; neue alte Athemnoth peinigte mich, lähmte mich, in der letzten Nacht lag ich bis 6 Uhr ohne eine Minute Ruhe, vielmehr ich saß aufrecht bald im Bett bald verzweifelnd im Lehnstuhl – da vergeht einem schließlich der Humor! Heute, aus Erschöpfung, u. neues Digitalis im Leibe, wird es hoffentlich etwas besser sein. Sobald ich mich freier bewegen kann fahren wir nach Nauh. Heinr. wollte mich heroisch allein mit dem sehr braven Mädchen lassen, aber nach all der Pein die ich durchgemacht fehlt uns der Muth dazu u. er erbittet sich in jedem Fall den nöthigen Urlaub, da er ja sonst so gewissenhaft ist. Morgen hab ich zu seinem Geb.tag dem Heinr. heimlich Spitta u. Joachim, den lieben goldenen, eingeladen, damit er sich ein wenig aufheitert – ich bin natürlich nicht dabei! Darf ich Ihnen Heinrichs Requiem im Klav.auszuge schicken? Ich behaupte keck daß es ein so schönes reifes Stück, so schlicht u. verständlich, von aller Ueberladung frei u. so echt in der Empfindung ist daß es seinen Weg machen muß! Wenn wir nach Nauh. gehen hofft Heinrich bestimmt Sie in Frankf. zu sehen (wie lange bleiben Sie?) ich muß mir auch diese Freude versagen selbst meine Muttersie ist jetzt in München u. besucht dann ihre Schwester Liliencron in Altenburg. Sie hat Italien aufgegeben u. zieht im Herbst nach Dresden über was uns sehr beglückt aber doch ein wenig des Climawechsels halber beängstigt. hat mir Schmidtl. verboten! Ich soll mich nur von Ruhe u. Langeweile nähren.
Schreiben Sie bitte bald ein Wort Ihrer Sie so innig liebenden u. verehrenden Lisl.

Eug. soll bitte schreiben wie man Filu Lebenszeichen geben kann.
Ich schreibe bei offenem Fenster daher das fließende Papier!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
753ff.
 



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