19.12.2019

Briefe



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ID: 18663 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 27.06.1891
 

Nauheim. Villa Bittong. 27. 6. 91.

Geliebte Frau Schumann,

Ihre Frankf. Zeit naht ihrem Ende, u. ich muß nun schreiben was mir so schwer aus der Feder will: daß ich nicht nach Frankfurt darf; alles Zureden, das ich beim Medicinalrath versuchte, blieb völlig wirkungslos, u. als ich ihm erzählte, daß Sie Liebe die Möglichkeit besprochen hätten, stattdessen nach Nauh. zu kommen u. mich zu besuchen, da hat er ebenso den Kopf geschüttelt u. gesagt: Schmidtlein habe ihm eingeschärft, mir alles zu versagen was mich zerstreuen, aufregen, sehr erfreuen oder schmerzen könne! Da nun von alledem etwas dabei wäre, wenn Sie Theure zu mir kämen, denn auch der Schmerz bliebe nicht aus, daß ich so wenig von Ihnen hätte – denn Sie wollten ja nach einem kurzen Besuch wieder verschwinden u. da würde ich mich immerfort sorgen u. aufregen um Sie u. mich kränken daß Sie sich die Strapatze der Fahrt angethan hätten, u. wir so gar nichts Ihnen dafür bieten könnten – so muß ich schon brav sein u. dem Dr folgen, so sauer es mir wird. Aber daß Sie nur daran dachten, sich das anzuthuen um mir die Freude eines Wiedersehens zu bereiten, das ist mir viel werth, u. ich danke Ihnen aus wärmstem Herzen dafür. Sie sind halt immer die Gleiche, Treue, u. es beglückt mich so, zu fühlen, wie Sie selbst <auch> wenn es auch natürlich nicht in dem selben hohen Maaße sein kann wie bei uns, auch Werth drauf legen, daß wir stetige, nahe Freunde bleiben, u. kein Getrenntsein u. keine Entfernung daran was ändern darf u. kann! Aber ich laß es mir doch nicht nehmen, Sie wenigstens im Herbst zu sehen; es scheint doch, daß wir nach Nauheim in die Schweiz kommen werden, u. da entwickelt sich ja ein Zusammentreffen auf jeden Fall, denn im Sept. sind Sie ja wie ich höre entweder in Frankf. oder in Basel? darauf will ich mich unablässig freuen u. dafür will ich Kräfte sammeln! denn das ist mir der Mühe werth! Heinrich mußte mir viel erzählen von Ihnen, u. er blieb mir auch nichts schuldig; auch den schönen Zander u. das Reh mit den Zuckerschoten u. die Riesen Erdbeeren nicht, vor allem aber verweilte er bei den lieben Menschen mit denen er wieder ein paar gemüthliche Stunden sein durfte. Daß Sie, Theuerste mit der Gehörsnervosität so leiden, erfüllt mich mit wahrem Schmerz. Sie u. ungenau hören – aber doch nur zeitweis’ – wie peinigend muß das sein u. wie unnatürlich. Warum muß Ihnen das auferlegt sein nicht Herrn Limburger oder sonstigen Leuten bei denen es Wurst wäre! Wie traurig mich das macht u. wie ich Ihnen Besserung wünsche! Was thuen Sie denn dagegen? Bitte lassen Sie aus Franzensb. ein Kärtchen fliegen u. bleiben Sie gut Ihrer Sie treu liebenden u. verehrenden
betrübten alten Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Nauheim
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
757ff.
 



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