19.12.2019

Briefe



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ID: 18664 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.09.1891
 

Heiden Rorschach. 3. Sept. 91.

Theure Frau Schumann.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es mich betrübt, daß meine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Ihnen so jämmerlich zerstört ist. Aber leider! Sie reisen viel früher als ich dachte, wir reisen <>etwas später als wir vorhatten, nämlich 15. oder 20. Sept. da Heinrichs Anwesenheit aus ganz besondren Gründen hier nothwendig ist! Denken Sie sich liebe theure Freundin, u. freuen Sie sich ein bischen mit uns: wir bauen uns wieder ein kleines Heim, mein Herzenswunsch wird mir wieder erfüllt. Die herrliche erquickende Luft, die jedem von uns so gut bekommt, hat uns dazu Muth gemacht, dazu diese lieblich großartige Landschaft das ländlich-stille u. doch so wohl bebaute behaglich-zufriedene des kleinen Ortes, die Bäder, die der Mutter so wohl bekommen, alles trug dazu bei, uns für Heiden einzunehmen, u. da sich ganz unverhofft 10 000 Markli fanden, die seit der Erbschaft meines Vaters bei unserm Geschäftsführer5 verborgen geblieben waren, griffen wir heiter u. couragirt danach; Heinrich machte fix einen Plan u. nun sind wir bereits Besitzer eines kleinen aber herrlich gelegenen Plätzchens mit voller Aussicht auf See u. Berge u. dicht bei einem allerliebsten Wäldchen. ganz nah gelegene Bauernhöfe füge ich gleich zu Ihrer Beruhigung hinzu! Die Mutter baut mit, wir haben unter einem Dach gleichsam zwei Häuser völlig unabhängig in allem von einander, so daß jeder das Besitzer-gefühl haben u. sich frei bewegen u. wirthschaften kann, was für die liebe thatkräftige Mutter sehr wichtig ist. Natürlich wird es nur ein Holzhausl, Appenzeller Bauernstyl in jedem Detail, da man nur auf die Art billig baut, nächsten Sommer können wir einziehen da es daran nichts zu <> trocknen giebt u. Sie können sich denken wie wir uns schon freuen, da wir nun einmal alle das Gasthausleben hassen. Die Summe die wir hineinstecken representirt ungefähr eine revenue von der Höhe wie das was wir für die elenden Zimmerchen hier in 2 1/2 Monaten ausgeben. (Wenn man einfach baut giebt es wirklich nichts Sparsameres als bauen!) Es ist eine große Freude für uns <,>– wir sind nun einmal nistende Vögel – aber daß uns heuer dadurch (wenigstens theilweise dadurch) die Freude zerrinnt, Sie zu sehen, meine geliebte Frau Schumann thut mir weher als ich sagen mag. Und daß Sie so viel leidend waren wie beklage ich das! Möchte Kussmaul den rechten Rath wissen u. sich recht eingehend mit Ihnen beschäftigen – wo wohnen Sie in Heidelberg (in dem lieben Heidelberg) u. darf ich hören was Kussmaul sagen wird? – Ich habe mich riesig hier erholt, aber alle unnützen Reisen zur Schwester etc aufgegeben da ich doch noch mit meinen Kräften sparen muß. Neulich bin ich 100 Mètres gestiegen aber dann muß ich immer wieder aussetzen u. diesen Winter werde ich mich noch sehr schonen. Meine Mutter grüßt Sie, Heinrich küßt Ihnen die Hände u. ich bin in alter zärtlicher Liebe u. Verehrung
Ihre alte treue Lisl.

Grüßen Sie den vielgeliebten Hildebrand!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Heiden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
765ff.
 



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