19.12.2019

Briefe



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ID: 18665 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 04.09.1891
 

Heiden 4 Sept. 91.

Meine liebe Frau Schumann,

Ich bin sehr außer mir. Ich benützte gestern die erste freie Halbestunde seit Abreise unsres Besuchs – (meine Schwägerin war bei uns gewesen, u. wir hatten Viel u. Ernstes zu überlegen u. zu berathen) – um Ihnen zu schreiben. Sie war grade abgereist u. die Stuben waren so heiß daß ich mich zu Mutter u. Heinrich auf den Balcon setzen mußte <> Mutter las vor u. ich hatte Mühe meine Gedanken beisammen zu halten u. schrieb Ihnen flüchtig u. als eingefleischter Egoist nur das uns zunächst Betreffende. Am Schluß des Bogens wollte ich nicht von so Ernstem anfangen ohne mich etwas vorbereiten zu können, u. so ließ ich den albernen Brief gehen ohne von dem zu reden was wahrhaftig wichtiger u. Ihnen gegenwärtig nahe liegender gewesen wäre! Verkennen Sie mich deshalb nicht, liebe theure Frau Schumann; schon allein Ihretwegen mußte mein Antheil an dem Hinscheiden der armen Livia Frege groß sein, u. wie hätte man nicht für sie selbst fühlen sollen, wenn ich auch erst nachträglich erfahren, wie Schreckensvoll ihre Leiden u. ihr Ende gewesen. Hedwig Holstein, die gestern Ab. zu Besuch bei uns erschien, erzählte mir davon u. ich verstand nun erst daß die Aermste bei Lebzeiten die Operation erlitt u. derselben zwar große Schmerzerleichterung aber weiter Nichts zu verdanken hatte! – aus<> Ihren Zeilen schien es mir, deuteten Sie nur eine Sektion nach dem Tode an. Arme arme Frau; nach dem Leben voll innrer schwerer Kämpfe u. Entbehrungen nun noch dies schwere Ende! Ein Brief den sie mir nach dem Tode ihres Mannes schrieb, hatte mich sehr ergriffen, man fühlte ungetrübter als sonst die ursprüngliche Schönheit dieser Natur, die nur durch den Kampf mit einem Elend, das sie unausgesetzt zu verbergen trachtete, nicht immer auf der Höhe ihrer selbst blieb; ihr Dasein war dadurch ein tragisches, bei allem äußeren Glanz, aber versöhnend u. schön blieb immer ihre Liebe zur Kunst u. die unverbrüchliche Treue mit der sie an dem einmal erfaßten Ideale hing. Und wie trug sie ihr schweres Kreuz; man mußte sie bewundern wenn auch ab u. zu die Gewohnheit, glücklicher zu scheinen als sie es war, ihrem Wesen auch im Uebrigen etwas Erzwungenes mittheilte. Wenn man einen Menschen später als Ganzes zusammenfaßt – wie fallen da die kleinen Schwächen von ihm ab, wenn nur ein ursprünglich echter u. großer Zug in ihm war, u. diesen hatte die Frau in hohem Grade. Lili Wach wird <>ihr Tod auch sehr nahe gegangen sein sie hing mit ihrem Vater ja zusammen wie sonst Niemand u. bei ihr war er nicht zur historischen Größe zusammengeschrumpft wie bei den jungen Musikern heutiger Zeit! Sie haben die innigste Freundin an ihr verloren wenn sie von Ihnen sprach war sie stets wahr u. warm u. voll Leben.
Aber wenn Sie Jugendfreunde verlieren so leiden Sie gewiß wie andre Menschen auch aber doch mit dem großen Vorzug daß Sie keiner bestimmten Generation angehören weil Sie nie aufgehört haben jung zu sein u. mit allem was Odem hat u. ein Herz im Leibe hat lebendig mitzuempfinden. Deshalb können Sie nie einsam werden wenn Sie auch älter <gewor-> würden als Alle die mit Ihnen geboren! Ach thuen Sie das, Sie Liebe Geliebte u. lassen Sie sich was Kluges von Kussmaul rathen – wie gerne gäb ich ihm einen Kuß dafür (wenn er sich’s verlangte.) Die liebe alte Holstein grüßt tausendmal. Wir haben ihr unsren Bauplatz gezeigt, u. sie findet die Aussicht herrlich. Leben Sie wohl bis auf Weiteres u. lassen Sie mich von Ihnen aus Heidelberg hören, ich bitte darum.
Von ganzem Herzen
Ihre
Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Heiden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
767ff.
 



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