19.12.2019

Briefe



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ID: 18666 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 13.09.1891
 

13. Sept. 91

Theure liebe Frau Schumann,

Mein Versuch Ihnen heute telegrafisch unsre Grüße u. Glückwünsche zu entbieten ist leider mislungen. Ich dachte Sie noch sicher in Heidelberg, wo Sie, wie ich verstanden hatte sich Kussmauls halber einige Zeit aufhalten wollten. Eine nähere Adresse hatte ich leider nicht von Ihnen aber ich setzte voraus daß Sie heut so viel Briefe u Telegramme bekämen, daß meines im Schlepptau sicher in Ihre Hände gelangen würde. Nun liegt es auf dem TelegrafenAmt in Heidelberg u. verstaubt; so will ich wenigstens
schriftlich über Frankfurt noch mein Glück probiren u. Ihnen sagen wie sehr ich wünsche daß dies Jahr Ihnen günstig sein möge meine theure Freundin. Sie haben allerlei in Vordereck ausgestanden u. sich nicht wohl dort gefühlt – ach möchte doch Kussmaul das Rechte gerathen u. getroffen haben, u. Sie sich in diesen paradiesischen Herbsttagen irgendwo gründlich erholen u. Kräfte für die Winterszeit sammeln. Ich denke so viel an Sie u. wünsche mir eine Karte über Ihr Ergehen, es ist mir so hart, darum gekommen zu sein daß ich Sie sehe, aber wir müssen ja über München heim, der Mutter wegen die dort mit meinem Bruder zusammentrifft, um so mehr sehne ich mich nach einem bischen brieflichen Contakt, ohne Sie deshalb quälen zu wollen. Meine beiden Münchner Briefe haben Sie hoffentlich erhalten, ich adressirte Marienbad. Heinrich küßt Ihnen die Hände, mein Mütterchen sendet Ihnen warme Grüße, hätten Sie sich doch in Vordereck so erholt wie sie Gottlob hier, sie hat ein ganz verjüngtes Gesicht hier bekommen. Vordereck ist freilich in mancher Beziehung noch schöner durch die wunderbare saftige Vegetation aber die trockene leichte Luft hier u. der viele Himmel wiegen alles auf. Und der liebe Blick in die Tiefe! Unser Haus steigt schon aus der Erde heraus mit den ersten Steinen, das Brünnlein fließt, u. herrlicher Sonnenschein begünstigt das Bauen. Bei der Grundsteinlegung am Geb.tag meiner Mutter kamen die Schul-Kinder zu unsrer Ueberraschung heraus „die fremden Leut willkomen zu heißen die sich hier ansiedeln“. Sie sangen in tadelloser Reinheit zweistimmige Lieder.
Doch nun Ade Liebste geliebte Frau, Gott wickle sie ein in Sonne u. schenke Ihnen all seine besten Güter daß Sie wieder ganz frisch u. froh werden. Sie haben ja eine so schöne kräftige Natur u. werden sich wieder ganz herausrappeln uns zu Liebe u. Aller die sie lieben.
Ihre Liebendste
Lisl.

Die arme Lili Wach hatte den Kummer daß Schwägerin u. Neffe Mendelssohn die Badenschen sie <> Ende August besuchten u. Letzterer gleich am Typhus erkrankten [sic], am 4. Sep. konnte er nach Interlaken transportirt werden u. dort legte sich nun auch seine arme Mutter. Die Fremdenstübchen fielen der Desinficirung zum Opfer, Betten mußten verbrannt werden, Gott gebe daß keine Ansteckung erfolgt.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
769ff.
 



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