19.12.2019

Briefe



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ID: 18667 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 07.10.1891
 

Meine theure Frau Schumann,

Ihren lieben Brief der aber so viel Schmerzliches enthielt, hätte ich umgehend beantwortet, wäre ich nicht selbst in so trauriger Verfassung. Denken Sie daß ich wieder von einem rechten Rückfall meines Herzleidens heimgesucht worden bin, ich fühlte schon am Ende unsres Heidner Aufenthalts eine Abnahme meiner Kräfte, trotzdem konnte ich meiner Schwester die den dringenden Wunsch nach einem Wiedersehen äußerte, nicht abschlagen in Zürich mit ihr zusammen zu kommen wo wir zwei Tage vereinigt waren, die Reise nach Zürich fiel mir noch leicht aber dann nach München stand ich Qualen aus da alle bekannten Erscheinungen der Circulationsstörung sich wieder einstellten: arge Kopfweh mit Ueblichkeit u. kurzem Athem, ich hatte unaufhörliches Erbrechen wie auf hoher See u. kam zerschlagen in München an; scheinbar erholte ich mich, genoß noch zwei Tage mit dem lieben Hildebrand ging sogar ein Mal in’s Theater (sah den rohen Mascagna!) dann aber nahmen Kopfweh, Apetitlosigkeit u. Herzklopfen wieder überhand, vermehrt durch furchtbares Pflastern in der Baarerstr. u. nun war ich gebunden; ganz München durch Congresse u. Octoberfest überfüllt – ich mußte trotz Lärm bei Kopfweh u. andrer Elendigkeit in Marienbad-Dépendance aushalten. An Reisen war nicht zu denken, Arzt war keiner da (der Fiedlersche den wir gerufen, kam nicht) aber da erschien wirklich als Rettung in der Noth unser guter Dr Schmid aus Reichenhall den Heinrich am Mozart-Jubiläumabend in d. Zauberflöte plötzlich entdeckte. Grade war er eingetroffen u. Tags darauf saß er an meinem Bett, mit der alten tröstenden Kraft die diesem seltenen Mann innewohnt. Er constatirte die alten Stauungserscheinungen, gab mir natürlich Digitalis, das Unvermeidliche, u. verordnete außerdem Champagner Cognac möglichst viel Essen zur Hebung der Kräfte. Natürlich kein Reisen – Ja, ihm scheint es überhaupt riskirt diesen Winter wieder in Berlin zuzubringen da das Herz doch nicht so gründlich auscurirt wie wir hofften u. ich vielleicht einen eben so schweren Winter gewärtigen kann wie der Vorige. Ein<e> längeres gänzliches Ausspannen in guter milder Luft könnte aber vielleicht eine wirkliche Wiederherstellung bewirken. In diesem Sinne bespricht er sich in einigen Tagen mit Schmidtlein da der Zufall ihn ohnedies nach Berlin führt, u. von der Entscheidung der beiden gewissenhaften u. uns so treu ergebenen Aerzte hängt dann unser Geschick für die nächste Zukunft ab. Heinrich ist so rührend, keinen andren Gesichtspunkt neben dem meiner Gesundheit aufkommen lassen zu wollen, ich aber leide natürlich im Stillen sehr darunter, mir zu sagen daß ich ihn herausreiße aus Verhältnissen die ihm nun grade anfingen lieb zu werden, durch wachsende Freude an den Schülern etc. Aber hoffentlich wäre mit diesem einen Winter auch eine endliche Wiedererlangung meiner alten Kräfte erreicht. Ein Leben gänzlicher Absperrung im Zimmer ist in unsrer Berliner Part. Wohnung allerdings etwas sehr Melancholisches, nicht geeignet einen in die Höhe zu bringen u. dies scheint man mir ersparen zu wollen. Wir sind seit 2. Oct. hier, der entsetzlichen Baarerstr. entronnen u. die liebe Aussicht u. Luft vom Balcon möglichst genießend, das ist schon eine große Erleichterung. Nächsten Montag haben wir wahrscheinlich schon Nachricht von Schmidtlein. Nun habe ich so lange von mir erzählt u. wie viel wichtiger u. trauriger erscheinen mir doch Ihre Leiden theure Freundin! Welche Qualen müssen diese musikalischen Hallucinationen, dieses verstimmte Orchester u. Andres Ihnen bereiten, Ihnen unter allen Menschen am meisten. Ich sollte denken, für Sie wäre es eben so wichtig wie für mich, einen deutschen Winter einmal zu überspringen u. ohne jede Last, Mühe Verantwortung Anspruch an Ihre Kräfte Versuchung irgend einer Art, nur Ihrer Gesundheit, der Ruhe u. dem Behagen zu leben. Ich predige wie mir gepredigt wird u. denke deshalb es muß seine Berechtigung haben! Wenn wir wirklich uns entschließen wird es wohl für die riviera sein, u. bei der Wahl nur die Rücksicht walten einen wirkl. tüchtigen Arzt in der Nähe zu haben. S. Remo soll allein diesen Vorzug genießen. Vielleicht kommen Sie mit, das könnte mich aussöhnen! Aber noch sind ja die Akten nicht geschlossen. Ich geb Ihnen dann wieder Nachricht. Inzwischen hoff’ ich auf eine Zeile über Ihr Ergehen. Der liebe Hildebrand der wie ein Bruder für uns sorgt grüßt Sie herzlichst, meine alte treue Mutter die in München noch die Entscheidung über uns abwartet, sagt Ihnen auch alles Theilnahmsvollste.
Seien Sie mir gegrüßt liebe liebe geliebte Frau, könnte ich Ihnen doch helfen, ich wollte selber dann gern noch lange Geduld haben. Denn ich habe Sie so unendlich lieb, mehr wie Sie es ahnen können.
Heinr. der einzige Mensch küßt Ihnen die Hände.
Ihre treuste Lisl.

Eugenie bitte ich schön mir Filus engl. Adr. zu schreiben ich hab ihr für ihren letzten ausländ. Brief zu danken.

den 7. Oct. Starnberg Hotel Bayr. Hof.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Starnberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
773ff.
 



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