19.12.2019

Briefe



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ID: 18701 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 14.01.1883
 

Verehrteste Freundin,
Es ist mir unendlich leid, daß wir entsagen müssen – wie sehr hatte ich mich darauf gefreut, nicht allein Sie wieder einmal zu hören, sondern auch für einige, wenn auch noch so kurze Tage, mich Ihrer Nähe erfreuen zu dürfen. Ich begreife daß es Ihnen schwer wird, Sich darein zu finden, daß bei vorrückenden Jahren die Luft des Körpers derjenigen des Geistes nicht mehr gleich bleibt – aber das ist allgemeines Menschenschicksal. Wie überaus wenigen ist es aber gegönnt gewesen der künstlerischen Kraft so lange theilhaftig zu bleiben, wie es bei Ihnen der Fall! Wenn Sie Sich umsehen, müssen Sie auf allen Seiten Teispiele [?] finden, die Sie veranlassen Ihrem Schicksale dankbar zu sein – es gibt wenige so schöne, einheitliche, ächte [?] Jahre d dabei so erfolgreiche Künstler energ [?] wie die Ihre – ich weiß in meiner mehr als ein halb Jahrhundert alten Erfahrung keine der ich dasselbe an die Seite setzen könnte. Genießen Sie also mit Heiterkeit u. Dankbarkeit was Ihnen gegönnt ist u. nehmen Sie das was Sie vermissen leicht auf – gratis hat man nichts auf dieser Welt, das muß man sich stets wiederholen. In dem Konzert für welches Rudorff schon im vorigen Jahr auf Sie zählte, sollte auch ein Chor v. mir: „Es fürchten die Götter das Menschengeschlecht“ gegeben werden – ich denke es wird nun diesmal geschehen. Das Stück ist jedenfalls eine meiner besten Compositionen, bei der gänzlichen Interessenlosigkeit die man mir angedeihen läßt, fällt es jedoch mir wieder ein es aufzuführen – nun höre ich daß Brahms denselben Text componirt hat – das wird zum Begräbnis meines Stückes wesentlich beitragen – ich bin aber so gewohnt an fehlschlagenen Hoffnungen, daß ich jede éneueù deception mit größerer Leichtigkeit mir aus d. Kopf schlage – der ganze Trödel wird ja jetzt bald sein Ende erreichen.
Sonst geht es bei uns so weit gut. Kwast kommt vorwärts als öffentlicher Virtuose – er hat v Gade eine Einladung erhalten. 3mal in Copenhagen zu spielen (ein Konzert, zwei Kammermusikabende) u. wird nächstens dorthin abreisen. Brahms Hiersein wird er dadurch versäumen, was ihm sehr leid ist. Gestern Abend gab man in Elberfeld meinen Saul – ich fühlte mich nicht wohl genug ob der Aufführung beizuwohnen – es war vielleicht als Worte die seit 25. Jahren satt hatte [?] – Sie sehen welche Uebungen in d. Resignation mir beschieden sind. Denn so wenig ich mich zu überschätzen glaube – es ist in dieser Zeit kein Oratorium geschrieben worden, das so gut wäre als dieses.
Wir hatten im letzten Konzert eine Aufführung d. 3t Theils v. Schumanns Faust, aber leider nicht gelang – wir hatten uns in der Wahl der Solisten getäuscht – das ist aber bei der Schwierigkeit der Soli leicht möglich u Schelper, früher der Liebling der Kölner, zeigte sich gänzlich ungenügend. Wie Schade daß man Stockhausens Gesang nicht in die Gesammtausgabe mit aufnehmen kann.
Nun muß ich aber schließen. Grüßen Sie die Ihrigen herzlich – Sie wissen daß Sie an der Familie Hiller & Comp. ergebene treue Gemeinde besitzen, an deren Spitze
Ihren alten
Ferdinand Hiller

14/1 83.

  Absender: Hiller, Ferdinand (710)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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