19.12.2019

Briefe



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ID: 18710 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 11.09.1878
 

Loretto bei Oberstdorf, d. 11. Sept. 78.

Hochverehrteste Frau!

So wie im vorigen Jahre Freund Levi mir Muth machte, Ihnen meine herzlichsten Wünsche zum 13. September zu schicken, so ist es dies Jahr Marie Benndorf, die bei mir ist, mit deren Brief als Einlage ich es wage, Ihnen an dem Tage zu schreiben, wo Sie von allen Weltenden gute Wünsche empfangen. Möchten Sie aber wenigstens nur nicht wähnen, daß solche Menschenkinder, wie ich, eine Erwiderung beanspruchen. Es ist ja doch schon eine Gunst, daß ich Ihnen sagen darf, wie ich dieses Tages gedenke, der uns die schönsten Freuden gab — und Dank und Liebe zurückzuempfangen, wird ja auch für Sie eine Genugthuung sein. Aber alle unsere Briefe sind Antworten auf Ihre Existenz, auf Ihre köstlichen Geschenke, und darum dürfen Ihrerseits keine Antworten darauf erfolgen, sonst dürfen wir nicht wieder danken.
Ihr Schreiben aber nach meines Mannes Tode ist mir ein Trost und ein Schatz gewesen, nnd ist es noch. Wenn irgend eine Erfahrung mich aufrichten kann, so ist es der Gedanke an Sie! Wie hat uns Ihr Zusammenleben und Zusammenwirken als höchste Verwirklichung des höchsten Ideals vorgeschwebt! Wie haben wir Ihre Trennung damals mitempfunden! Die Manfred-Musik in jener schrecklichen Zeit gehört, schnitt uns wie mitten entzwei — Franz war ganz trostlos. Und wie viel haben Sie doch in sich gerettet für Andere! Wie viel Leben und Wärme strahlt von Ihnen aus, nachdem Sie sich gewiß selbst todt und kalt gefühlt haben. Wie tapfer kämpften Sie mit dem Leben, und hatten Segen dafür für Sie selbst und Andere! — Ach, verzeihen Sie, daß ich mir Ihnen gegenüber diese Betrachtungen erlaube, sie sind aber so natürlich in meiner Lage.
So lange ich in Leipzig war und mit meiner Holsteinstiftung zu thun hatte, erging es mir ganz erträglich. Hier aber in der Einsamkeit, wo wir in lieber Zweisiedelei so viele Jahre gelebt, überkommt mich der Schmerz zuweilen als etwas Unerträgliches. — Marie Benndorf, diese liebenswürdige Natur, thut mir unsäglich wohl.
Nun ist es bald ein Jahr, daß wir Sie in Baden aufsuchten und so große Freude hatten. Es waren die letzten schönen Tage in der Natur und im Verkehr für Franz, und Ihr gütiges Herz erfreut sich gewiß daran, daß Sie damals ihm diese letzten Freuden bereiteten, die er mit mehr Dankbarkeit genoß, als er es aussprach. Das überließ er gerne mir.
Darf ich bitten, Ihre lieben Fräulein Töchter zu grüßen? — Meine Helene empfiehlt sich Ihnen bestens.
Gott erhalte Sie uns in alter Weise!
In Verehrung

Ihre Hedwig von Holstein.

5M. Sollte Ihnen ein junger Mann, der Musik in Leipzig studiren will und mittellos ist, einstmals besondere Theilnahme einflößen, so bitte, adressiren Sie ihn an mich. Es wäre mir eine besondere Freude, einen von Ihnen Empfohlenen in das Holstein-Stift (Gratis-Wohnung mit Benutzung der Bibliothek meines Mannes) aufzunehmen. Das Haus wird im October fertig und im April beziehbar.

[Hedwig von Holstein, Eine Glückliche. Hedwig von Holstein in ihren Briefen und Tagebüchern, Leipzig 1901, S. 297-299]

  Absender: Holstein, Hedwig von, geb. Salomon, Hedwig (734)
  Absendeort: Loretto bei Oberstorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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