19.12.2019

Briefe



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ID: 18715 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 08.12.1891
 

8. December 1891

Hochverehrte, geliebte Frau Schumann!

Welche Freude haben Sie uns bereitet mit dieser idealen jungen Künstlerin! Sie ist ja ganz der Abglanz Ihres Wesens und Spiels, und wir Alle wissen nicht, ob wir sie mehr bewundern oder mehr lieben sollen. Man möchte alle Hände, alle Flügel über sie breiten, daß sie so bleibt! Haben Sie innigsten Dank, daß Sie sie auch an mich empfohlen haben, sie hat sich „in meines Herzens Herz" gestohlen, wie Shakespeare sagt. — Wie es sonst hier steht und geht, wird sie Ihnen besser selbst erzählen, Gott sei Dank, daß Sie wieder wohler sind! Schonen Sie sich nur recht sehr, und reisen Sie nirgends wo anders hin, als nach Leipzig, jeder andere Ort ist Ihnen schädlich! —
Daß es in San Remo besser geht, wissen Sie vielleicht noch nicht? — Die lieben Herzogenberg's telegraphirten um Helene Hauptmann, wenn sie nicht fort gekonnt hätte, wäre ich mit meiner Martha augenblicklich gereist. Aber Helene entschloß sich, und gereicht den lieben Menschen dort zum Segen. Lisl durfte sich Anfangs nicht bewegen, keinen Finger rühren, sonst kamen die Beklemmungen wieder. Nun aber haben sie die Leute auf einem Stuhle in die Villa hinübergetragen, die Herzogenberg privatim gemiethet hat für diesen Winter, und wo sie aus ihrem Schlafzimmer ohne eine Stufe zu steigen auf die Terrasse gehen kann und das Meer und die ganze himmlische Gegend sieht. Sie hat schon mehrere Tage dort in der Sonne gesessen. Ob wir sie aber wiedersehen — ich habe doch wenig Hoffnung, ohwohl es auf und ab geht. In München war ich mit ihr im Theater und in der Ausstellung. Die Nachricht von der Krankheit ihrer Mutter hat sie so herunter gebracht. —
Nun nochmals zu Ihrem Schützling. Wir waren Alle überzeugt, sie müsse noch diesen Winter im Gewandhaus spielen, und siehe da! der gute Klengel tritt zurück, um ihr Platz zu machen. Ist das nicht nett? Die Schwester empfehle ich nun Ihnen, ein ausgezeichnet gescheidtes, tactvolles Mädchen, die stets in guter Gesellschaft geathmet haben muß.

Mit tausend und tausend Dank

Ihre alte Verehrerin

Hedwig v. Holstein.

[Hedwig von Holstein, Eine Glückliche. Hedwig von Holstein in ihren Briefen und Tagebüchern, Leipzig 1901, S. 329 f.]

  Absender: Holstein, Hedwig von, geb. Salomon, Hedwig (734)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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