19.12.2019

Briefe



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ID: 18723 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 25.08.1891
 

Burgstall, 25. Aug. 9l.

Hochverehrte Frau!

Soeben erhalte ich die Todesnachricht von unserer lieben Livia, die auch Sie, als Ihre Freundin in Kunst und Leben, schwer treffen wird, und so werden Sie es begreiflich finden, daß ich heute meine Klage um die Heimgegangene Ihnen schreibe. Wer ist sonst noch aus der guten, alten Zeit, aus dem herrlichen Kreise übrig geblieben? — Von Emma Preußer weiß ich lange nichts. Sie muß auch schon durch Krankheit oder Alter verhindert sein, lebendigen Antheil zu nehmen, sonst wäre sie wohl nach Woldemar Frege's Tode zu Livia gekommen. Als ich von Livia Abschied nahm, hatte ich schon die Ueberzeugung, sie nicht wieder zu sehen. Sie merkte meinen Schmerz und tröstete mich, die Gute — sagte — „wer weiß, wenn ich wieder gesund werde, dann wollen wir noch recht vergnügt zusammen sein! Doch — wie Gott will." — Das waren ihre letzen Worte zu mir. Ich verdanke der Geliebten unsäglich viel, auch ihren Ansichten über Kunst. Ihr großer Ernst, ihre große Gewissenhaftigkeit bei jeder Kunstleistung — ihr Entsetzen vor dem Schlechten, vor dem Herunterkommen — ihr Festhalten an der Klassicität — Alles dies machte einen tiefen Eindruck von Jugend auf und wirkt fort in meinem Verkehr mit der jungen Musik und ihren Angehörigen. Livia war eine ächte Priesterin der Kunst, rein und erhaben. Das Frege'sche Haus schließt sich nun mit ihr, wo das Schöne und Aechte so treu gepflegt wurde, und wo Gleichgesinnte sich fanden. Wie oft hatte ich dort die Freude, Sie, liebe Frau Schumann zu sehen und zu hören. Das ist nun vorbei! —

Sollte Sie je eine Veranlassung nach Leipzig führen, — wollen Sie dann unter meinem Dache wohnen? — Lassen Sie mich dieses schöne Erbtheil von Livia nehmen, sie würde es mir am Liebsten gönnen! Herzogenberg's wohnen auch gerne bei mir und finden es recht gemüthlich. — Wie mir meine Helene sagt, haben Sie vergangenen Winter Ihren kranken Sohn verloren, — ich wußte es nicht. Sie Arme! was liegt Alles auf Ihnen! Gott erhalte Sie uns!

Lina Trebst, geb. Röntgen, ist bei mir und läßt sich Ihnen empfehlen. Sie ist sehr glücklich verheirathet und spielt noch besser Clavier als zuvor. —

In treuer Verehrung Ihre
Hedwig v. Holstein.

[Hedwig von Holstein, Eine Glückliche. Hedwig von Holstein in ihren Briefen und Tagebüchern, Leipzig 1901, S. 327 f.]

  Absender: Holstein, Hedwig von, geb. Salomon, Hedwig (734)
  Absendeort: Burgstall
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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