19.12.2019

Briefe



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ID: 18732 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 04.01.1879 bis: 06.01.1879
 

Verehrte Freundin!
Ich weiß, es macht Ihnen Freude von mir zu hören, daß im vorigen Symphonieconcert Schumanns Symphonie Esdur No 3. mit einem Erfolg und einem so enthusiastischen Beifall gegeben worden ist, wie er hier in Dresden, Sie kennen ja unser kaltes Publikum, doppelt selten ist. Auch auf mich hat dieß Werk einen ganz außerordentlichen Eindruck gemacht, eine Klarheit und Würde, Schönheit u Eigenthümlichkeit, die selbst ein Laie wie ich, empfinden und in allen schönen Irrgängen poetischer Empfindung doch verstehen u. begreifen kann. Lauterbach hatte mir schon vorher davon gesprochen und wie das schöne Werk doch bisher nicht in dem Maße anerkannt worden wäre u. ich mußte darüber nachdenken, wie lange Zeit doch Kunstwerke eigenartiger Gattung brauchen, ehe sie dem großen Publikum verständlich, dann lieb und zuletzt ehrwürdig werden. Wüllners vortrefflicher Direktion, war auch viel zu danken, auch der Hof war zugegen u. ich denke auf W’s besondere Anregung. Ich wachte in der Nacht auf und schrieb mir die Verse nieder, die ich Ihnen auf der letzten Seite mittheile. Mögen Sie den tiefen Eindruck daraus sehen u. zugleich den herzlichen Wunsch Ihnen, verehrte Freundin, eine Freude damit zu machen. Ich habe mir für meine letzten Lebensjahre ganz bestimmt vorgenommen, keine Gelegenheit mehr vorüber gehen zu las
sen, Liebes zu erweisen, wo ich noch kann, selbst auf die Gefahr hin für aufdringlich gehalten zu werden, was ich aber bei Ihnen nicht zu fürchten brauche.
So nehmen Sie noch dabei den herzlichsten Glückwunsch zum neuen Jahre, von meiner Frau, die Sie herzlich grüßt und von mir. Möge der liebe Gott Ihrem Mutterherzen Kraft und Trost verleihen!
Mit den besten Grüßen an Fräulein Marie u die Ihrigen überhaupt, immer
Ihr alter Freund
Julius Hübner.

P. S. Mit Ihrer Freundlichkeit gegen Teresita haben Sie hier viele, viele Freude gemacht! Sie schreibt ganz begeistert von Ihnen.
3tes S.[ymphonie] Concert.
Programm 1. Ouvertüre von Beethoven (op 115) mir ganz unbekannt (schön) 2. Sinfonie Cmoll von Haydn, No 6. bei Rieter Biedermann. 3. Concert G dur von Bach, zum 1ten Mal, wundervoll 4. Sinfonie v R Schumann, zu diesen Größen ersten Ranges ein würdiger, prächtiger Schluß mit wirklicher Steigerung!

Nach Rob. Schumanns Esdur Symphonie 3. Jan. 79.
Ach, hätte doch die Welt bei Lebenszeit
Dir Ruhm und Ehre schon wie jetzt geweiht,
Du hättest dich und sie wohl noch erfreut
Mit manchem großen Werk zu rechter Zeit
Und lebtest gar vielleicht noch heut
In schaffensfroher, lebensfrischer Thätigkeit! – –
Doch Sie, die du geliebt mit aller Kraft,
Mit deines Herzens voller Leidenschaft,
Die dich und deinen Ruhm so treu verklärt,
Sie lebt! Ihr sei der Kranz, der dir gehört
Und du in Ihr, Verklärter, noch geehrt!
JH

P. S. Eben lese ich das Neueste!
Zum Michaels Orden den besten Glückwunsch!

  Absender: Hübner, Julius (747)
Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
643ff.
 



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