19.12.2019

Briefe



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ID: 18778 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.04.1855
 

Liebe verehrte Freundin.

Im Namen Grimms sende ich Ihnen die Briefe Ihres verehrten Robert, die nicht nur ihn, auch mich wieder erwärmt haben. Wie liebevoll gedenkt er meiner immer, der theure Meister, wie muß sein Lob mich erheben und anspornen. Solche Zustimmung entschädigt doch reichlich für jede Verneinung meiner musikalischen Existenz von allen, die nur meine Technik der Beachtung würdigen. Mit Grimm habe ich ein paar sehr bewegte, ermüdende Tage hier verbracht, er war seit vorgestern bei mir, heut ist er mit Spohr zu gleicher Zeit wieder abgereist. Der alte Herr ist hier sehr gefeiert worden, es ging in bunter Folge von Fest-Musik zu Fest-Essen, kaum daß man Zeit erübrigte, die durchgespielten Qninten durch neue zu ersetzen. Den Schluß bildete ein Concert im Theater, worin die 20orchestrige Sinfonie Irdisches und Göttliches, ein Duett und die Ouverture aus Jessonda im 1ten Theil - Enryanthen - Ouverture, XXXX und Fragmente aus Lohengrin in der 2ten Abtheilung gegeben wurden. Ich habe Sie und Johannes mehr als einmal herzugedacht; es hätte Ihnen, glaube ich, eben so wohl gethan wie mir, den einkräftigen (lieber so als einseitig möcht ich die Erscheinung Spohr als Mensch nennen) Mann zu sehen, der in schlichtem unverholenen Gefühl seiner Bedeutsamkeit ruhig alle Begeisterung vorbei ziehen ließ, als hätte er Revue zu halten u. darüber zu berichten. Der kleine runde Marschner , der beständig wie ein Gummi-Ball aussah, der von der Eitelkeit herumgeworfen zwischen Erde und Himmel hüpfte, zappelte sich vergebens ab, einigen Componisten-Eindruck hervor zu bringen und hob sehr den felsenfesten Mann, der im Gewoge der umspülenden chromatischen Scalen recht wie ein Leuchtthurm aus dem vorigen Jahrhundert sich ausnahm. Das ist ein Charakter, und das Jemand aus der kleinsten Bewegung anzumerken thut wohl unter dem Knäuel von Eitelkeit und Urtheilslosigkeit, der hier am Boden kriecht. Wie freue ich mich auf die Zeit in Düsseldorf mit Ihnen und mit Johannes. Vom 15ten an ist auf mich zu rechnen, denn mit dem 14ten, dem Geburtstag der Königin, hört meine Concertmeisterei auf. Bitten Sie den lieben Johannes für mich zu miethen, er hat mir den Freundschafts-Dienst ja angeboten; natürlich müßt' ich vom 1ten April an gleich das Quartier festhalten. Wird uns das Musikfest nicht stören, und die Lind u. s. w.? Lesen Sie folgende Einladung, die ich abschreiben werde. Bald schreibe ich wieder, denn ich habe noch manche
Frage zu beantworten! Heute will ich nur die Briefe des
theuren Robert bald in Ihren Händen wissen.
Herzlich verehrend
Joseph J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
202ff
 



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