19.12.2019

Briefe



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ID: 18780 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 22.06.1855
 

Verehrte Freundin.

Mit vieler Freude hat mich Ihr lieber Brief erfüllt; daß Sie in Detmold so wohl zufrieden sind, hatte mir Brahms schon früher erzählt, aber daß Sie meiner auch gedenken, daß Sie mich hinwünschen, das erfährt sich am Schönsten durch Sie selbst, und dafür danke ich von Herzen. Doppelt muß ich mir nun Vorwürfe machen, daß die letzte Zeit mich Ihnen so oft unliebenswürdig erscheinen ließ - war ich denn wirklich so unausstehlich in meinem Ernst, so bitte ich 1000mal um Verzeihung; aber ich kann mir gar nicht denken, daß ich irgendwie einmal Veranlassung gegeben hätte zur Vermuthung, daß meine liebe Umgebung daran Schuld sein könnte – und gar Sie, liebe verehrte Freundin, die Sie Theilnahme und Aufopferung für diejenigen, denen Sie wohl wollen, zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheinen! Bin ich künftig einmal traurig, so zanken Sie mich lieber aus, daß ich so lebensvolle Umgebung mit der Hannover’schen Einsamkeit zu verwechseln im Stande bin -- denn nur von dort her schreiben sich so ungesellige Gewohnheiten. Doch lieber was Lustigeres XXXX und Freudenvolleres! Johannes und ich, wir musiciren viel, haben z. B. alle heitern Haydn'schen Sonaten gespielt; die mit einem fidelen ungarischen Rondo in G müssen Sie hören: es ist die charak- teristischste Musik, die ich seit lange gehört habe – man sieht ordentlich, wie sich die ungarischen Husaren den Schnurrbart spitzen -- und wie die langen nußbraunen Flechten der Ungarinnen beim Tanzen in die Sporen sich verwickeln, so ungeschickt stolpert die Violine oft mit dem Rhythmus hinterdrein! Auch die E dur Sonate von Bach haben wir neulich gespielt -- aber immer fast spielen wir in meinem Zimmer - bei dem Erard wird es uns zu wehmüthig mit der Violine ohne die lebendige Diskantstimme. Kommen Sie doch ja bald wieder! Ob ich Sie wirklich abholen kann <> ist nur deshalb zweifelhaft, weil vielleicht Herman Grimm Ende des Monats hier durchkömmt und ich ihn eingeladen habe, dann ein wenig hier zu verweilen.
Sobald ich etwas Bestimmtes von ihm erfahre, wissen Sie es auch; aber daß das Honorar bei dieser Gelegenheit kein Motiv sein kann, sollten Sie denken! Die Kinder sind alle so munter wie immer, und Johannes’ Erziehung schlägt wundervoll an - eben erzählte er mir triumphirend von Purzelbäumen, die die Jungen schlagen lernen!
Auf baldiges Wiedersehen
J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
213ff
 



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