19.12.2019

Briefe



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ID: 18785 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 06.01.1857
 

Liebe Frau Schumann

Ich habe eben die Probe, (die mittlerweile auf Freitag statt Sonnabend verlegt war, der Theater-Aufführungen wegen) auf Sonnabend definitiv ansetzen lassen – Graf Platen war bereitwillig und liebenswürdig dabei, und Sie brauchen also die Angst vor diesem Pascha kein Hinderniß Ihrer Reise werden zu lassen. Die übrigen Orchester-Sachen, welche außer Ihrem Concert vorkommen, will ich am Donnerstag abmachen, damit wir das Schumannsche Concert Ihres Robert annähernd würdig üben können. Ich bitte Sie aber inständig nun endlich bei der mir so lieben Wahl stehen zu bleiben, und mir umgehend mitzutheilen ob es Ihnen genehm ist, statt der Haydn’schen Sonate, die Sie vorschlagen, die mir aber in ein Orchester-Concert nicht zu passen scheint, die Kreutzer-Sonate (von Noten) zu spielen? Das Programm würde dann im Ganzen folgendermaßen beschaffen werden: Sinfonie v. Mozart: sehr kurz (ohne Menuett) Gesang. Concert von Robert Sch. – die Kreuzer-Sonate von Beeth. Gesang. Ouverture von Schumann oder eine der Leonoren. Sagen Sie ob Sie damit einverstanden sind; wenn Sie gleich schreiben so kann noch geändert werden. Aber um des Himmels Willen keine Schelte mehr: ich bin sonst weder zum Spielen noch zum Dirigiren zu gebrauchen, höchstens als mürbe geklopftes Beefsteak. Moren! Borstorff! Stötteritz! Element! Was kann ich denn dafür daß die alte Großmutter in Würtemberg gen Himmel gefahren ist; es that mir der vier trauernden Schwestern wegen leid genug. Und was kann ich denn dafür daß das Concert bei Hof, in dem Pauer spielen sollte im letzten Moment aus Hoftrauer abgemeldet wird, und daß er die ihm zugedachten 10 Louisd’ors nun im Theater absitzen, d. h. spielen muß! Und wie kann ich vor allen Dingen annehmen, da ich es nie träumte, daß meine Freundin und Gönnerin deßhalb das G dur Concert v. Beethoven nicht im Abonnements-Concert vortragen will, weil ein freilich nicht ebenbürtiger aber doch respektabler Künstler das Es dur Concert im Theater, und noch dazu vor einem ganz<en> andern Publikum zum Vortrag wählt? Übrigens spielt Pauer wirklich sehr tüchtig; hätte er eine gewisse angeborene Musik-Weihe, die durch den bestgemeinten Respekt vor den großen Meistern nicht zu ersetzen ist, ich würde mich noch mehr auf das Es dur Concert freuen – doch genug für heut: recht bald mehr mündlich.
Ihr getreues Sündenböckchen J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
312ff
 



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