19.12.2019

Briefe



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ID: 18787 Brieftext


Geschrieben am: Montag 24.01.1859
 

<Liebe Freundin> (Verehrte Frau Doctorin)

Vergeben Sie, daß ich mich schon wieder, nach 8 Tagen, schriftlich an Sie wende und Sie auf einige Augen blicke Ihren Dresdner Freunden und Verwandten entziehe, aber es betrifft keineswegs mich, sondern lediglich Herrn Johannes Brahms -- Ne! das hielt ich doch nicht aus, einen ganzen Brief lang so fortzufahren! Liebe Frau Schumann, wir haben gestern Abend also Johannes' Concert vor einem hohen Hannoverschen Adel und sonstigem Publikum, ja selbst vor sämmtlichen allerhöchsten Herrschaften gespielt. Und es gieng sehr gut! Es wurde das Concert sogar durch Hervorruf des Spielers und Componisten geehrt, dessen Bücklinge so aussehen, als wollte er nach Untertauchen im Wasser die Feuchtigkeit aus den Haaren schütteln. Er hat sich aber sonst sehr gut aufgeführt, namentlich sehr erträglich und im Tacte gespielt und ist wirklich ein ganzer Kerl! Sie wißen, wie sehr ich das Concert liebe, und ich kann sagen, daß im Ganzen meine Neigung dazu durch die Aufführung bestätigt wurde, <> obwohl ich <noch> empfand, daß Einiges im ersten Satz ruhiger, gedrängter werden muß. Aber herrlich ist das Adagio, und voll wunderbar schöner Einzelheiten der letzte Satz, namentlich der Schluß von prächtiger Ursprünglichkeit und Frische. Langsam, aber desto sicherer wird sich die Empfindung für das Genie unseres Freundes Boden bei den Musikern und in immer weitern Kreisen erringen, das ist mir klar geworden. Denn wer ist, selbst unter Musikern, klar und tief genug, um gleich alle reichen Verschlingungen für wahre, aus der Tiefe einer mächtigen Phantasie entspringende organische Gebilde, und nicht als Gesuchtheit zu erfassen? Wer wird denn das rücksichtslose Schwelgen in der angeborenen Energie seines Charakters gleich als den natürlichen Kontrast einer bedeutenden Kraft gegen das weiche, warme, träumerische Versenken verstehen, dessen Johannes mit seinem liebevollen Verständniß der leisesten Begungen in dem Menschenherzen und der Natur fähig ist? Aber doch Niemand wird, wenn unser Freund sich selbst treu bleibt und fortwächst, dem Allen widerstehen, so sehr sich in der Regel Menschen (u. Musiker zumal!) wehren, das über ihnen stehende anzuerkennen. Wir hatten zwei Proben, und das Verständniß der Spieler wuchs, wie sie denn am Abend mit sichtlicher Aufmerksamkeit und Liebe begleiteten. Daß Sie, liebe Freundin, nicht zuhörten, hat mich natürlich mit herzlichem Bedauern erfüllt; es tröstet mich einigermaßen, daß Sie das Stück vermuthlich in Leipzig hören werden. Nicht wahr? Ich denke mir Sie am Donnerstag im Gewandhaus, obwohl Sie dieser Brief in Dresden aufsucht. Daß ich nicht augenblicklich, wie Sie wollten, in der Angelegenheit v. Frl. Wendheim geantwortet habe, kommt daher, daß eben nichts mehr in der Sache zu ändern ist. Es ist wirklich auch meine Überzeugung gewesen, nachdem ich sah, wie sehr die südliche, enthusiastische, sorglos reine Natur des lieben Mädchens hier beobachtet, commentirt und für's Gespräch benutzt wurde, daß es ihr auch innerlich nicht förderlich sei, sich dem ferner auszusetzen. Bei einem Mann gleitet das ab, was Gerede heißt, ein so zartes Mädchen aber könnte dadurch verwundet werden, oder mindestens von dem zarten, reizenden Schmetterlingsstaub, weibliche Schüchternheit, einbüßen. Das sind die Hannoveraner, oder überh. Kleinstädter nicht werth. Dazu kömmt, daß gerade dasjenige, was ihr im Violinspiel hauptsächlich fehlt, die Bogenführung, von Böhm, meinem frühern Lehrer, eine Specialität ist etc. etc. Wir müssen eben bald darüber sprechen, wie über manches Andre, und ich danke nur noch für das liebenswürdige Interesse, das Sie meiner Empfohlenen geschenkt. Daß die Bettina ausgelitten, wissen Sie wohl schon. Sie starb Donnerstag früh; am Todestage Achim`s v. Arnim! Sie ist gestern in Wiepersdorf beerdigt worden. Wie viel Gedanken kreuzten sich in mir durch die Nachricht --- wie sehr hat sie mich ergriffen. Sie werden das begreifen, liebe Freundin. Sehr ängstlich machte mich die plötzliche Erkrankung von Gräfin Bernstorff, die man schon aufgab, aber die Gott sei Dank sich wieder zur Besserung wendet. Ich grüße Sie herzlich und bitte Sie mich auch Ihrer Dresdner Umgebung <mich> freundschaftlich zu erinnern, namentlich Bendem. Geht er nach Düsseldorf? Schreiben Sie bald
Ihrem J. J.

Heut um 3 probiren wir Johannes Serenade; Abends ist Sommernachtstraum. Fidelio hörten wir 2 mal.



















  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
446ff
 



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