19.12.2019

Briefe



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ID: 18812 Brieftext


Geschrieben am: Montag 17.06.1861
 

Liebe Mama

Ich will dir erzählen wie es zu meinem Geburtstage war. Wir waren früh bei Tante Elisabeth eingeladen und haben Chokolade getrunken. Um 1 Uhr brachte mir der Postbote von dir liebe Mama einen Brief auch von Julchen von Elise und von allen meinen Geschwistern die ich mit freuden gelesen habe. Ich danke dir sehr für die Schönen Sachen die Du mir Geschickt hast. Ich habe mir Jungen und Mädchen eingeladen und es ist nur ein Junge und ein Mädchen gekommen Wir sind nach Tegel gefahren und haben da Kaffee getrunken und dann sind wir in einen hübschen Garten gegangen und haben Anschlag gespielt und verwechsel [d]as Bäumchen und Besen-Verkauf, was sehr hübsch war und dann sind wir fortgefahren, wo wir um 9 Uhr zu Hause kamen. Herr Joachim hat mir eine Schachtel mit Soldaten mitgebracht. Nun lebe wohl liebe Mama und behalte lieb deinen Sohn Felix

Ich habe die Hauptsache vergessen dir zu danken für das Schöne; das du mir geschenkt hast. Einen Kittel habe ich schon an gehabt. Die Torte hat wunderschön geschmeckt. Ich danke dir sehr für Alles. Dieser Brief ist das dritte Mal geschrieben, er wurde nicht besser. Felix gewöhnt sich jetzt in der Schule das Schnellschreiben an, da wird es immer unsauber.

Liebe, gute Frau Schumann

Mir geht es gar herrlich in Ihrer Wohnung, in der ich nun schon seit Donnerstag wohne! Frühmorgens werde ich schon durch die schönste Musik mit Schweizerklängen geweckt: So geht nämlich Eugeniens Lieblingsstückchen, das sie nach jeder holperigen Czerny’schen Etüde spielt, wie man ein Bonbon nach jeder bittern Medicin nehmen muß! Das hat mich zu sehr amüsirt, als es an mein Bette hineinklang. Gerade die unschuldig heitere Melodie ist so bezeichnend für das liebe, schlanke frische Kind, das ebenso wie Felix wie das Leben blühend aussieht. Auch Lixchen hat mir was vorgespielt. Damit sieht’s nun freilich nicht so gut aus: oder vielmehr es sieht allerliebst gerade aus, hört sich aber nicht so anmuthig <zu> an! Aus der Musik hätte ich nicht erkannt welcher Eltern Kind ich vorhabe, und das muß auch bald anders werden, wenn’s werden soll! Aber auf welche Art ist freilich schwer zu sagen. Doch will ich’s versuchen, wenn ich darüber nachgedacht.
Ich gehe morgen nach Hannover zurück, und werde von dort aus ordentlich schreiben. Der Tag geht hier im Flug zu Ende; es giebt so viel mit Grimms durchzusprechen! An Fräulein Marie herzlichen Gruß von Ihrem J. J.

P. S. Scholz bleibt; der König hat für ihn entschieden.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
607ff
 



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