19.12.2019

Briefe



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ID: 18860 Brieftext


Geschrieben am: Montag 16.06.1890
 

Bendler-Straße, 17, den 16ten Juni.

Verehrte, liebe Frau Schumann!

Es ist ganz wie Sie in Ihrer Güte uns erscheinen, daß Sie zuerst zur Feder griffen mir zu danken, der ich doch so viel Freude und wirkliche Erholung durch meinen Besuch bei Ihnen hatte. Sie und Ihre lieben Kinder waren so wohlthuend herzlich gegen mich, und so empfänglich für das was ich zu bieten vermag, daß ich noch lange in der Erinnerung mich daran erlaben werde. Nun sind’s schon acht Tage seit ich Sie verließ! Ich kam gleich recht in die Arbeit, deren Resultat, die Aufführung des beifolgenden 16. Juni Programms, aber recht erfreulich war, so daß ich Sie mir stellenweise zum Mitgenuß herbei wünschen durfte, z. B. bei der Rhapsodie. Wie herrlich ist sie doch! Und wie vielen hat sie wieder den tiefsten Eindruck gemacht. Bin ich einmal über etwas das Brahms gesagt oder gethan bis zur Verstimmung verwundert, so brauche ich nur an das C dur zu denken um mir über seinen hohen Werth als Mensch wieder klar zu sein. Von Bargiel’s Psalm gefiel mir der erste Chor besonders gut, wenn’s ja auch leider nie ohne gewisse Starrheiten im Verlauf des Werkes bei ihm abgeht. Ich bat ihn es selbst zu dirigiren, weil ich ihm den Wunsch es zu thun anmerkte, und ich glaube es hat ihm Freude gemacht. Man muß ihm der Lauterheit seines Charakters wegen gut sein, und ich habe mir fest vorgenommen mein Theil zu thun um ihn vor Verbitterung möglichst zu schützen. Verwunderlich aber ist’s wie er sich gegen Brahms verpanzert, und Einem zu verstehen giebt daß man ihn auf seine Kosten erhebt. Da ist’s denn schwer objektiv zu bleiben, wie ich’s gestern versuchte als wir, gelegentlich seines freundschaftlichen und liebenswürdigen Dankbesuchs für die Aufführung, über die Rhapsodie sprachen – Er freute sich meiner Nachrichten über Sie und über Ihr frisches, herrliches Spiel, wie über die segensreiche Lehrthätigkeit. Verzeihen Sie, daß dies bei meinem historischen Bericht hier vor Ihre Augen tritt! – Hörte ich nur bald wieder etwas über Ihr Befinden. Ist die Sehnenentzündung im Abzug? Gerne wäre ich darüber beruhigt, und Sie diktiren wohl einem der Kinder ein Wort. Heute kommt meine Josepha auf 14 Tage um bei mir zu sein und dann Paul mit nach Salzburg zu nehmen. Tadema’s habe ich noch viel gesehen; sie reisen heute Abend ab, und baten daß ich Sie grüßen möge; es sind nette anregende Menschen. Levy’s sind schon in die Sommerfrische gezogen; Herzogenbergs und Frau von Beulwitz danken und erwiedern
herzlich Ihre Grüße. Ich bin, wie immer in treuester Freundschaft Ihr J.
Joachim.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1400ff
 



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