23.01.2024

Briefe



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ID: 18876
Geschrieben am: Mittwoch 30.06.1880
 

Max Kalbeck

Wien, d 30. Juni 1880.
BEETHOVENGASSE 3

Hochverehrte Frau,
meine Reisepläne haben noch in letzter Stunde einen harten Stoß bekommen. Fahrbillet und Abonnementkarte für München waren schon gelöst, als mir der Chef der Zeitung die Bitte vortrug ihm meinen Urlaub zu opfern und an Stelle unseres Burgtheaterreferenten der heute nach München abreist, die Redaction des Feuilletons zu übernehmen. Eine solche Bitte ist ein halber Befehl, und ich füge mich seufzend ins Unvermeidliche. Meine Entsagung soll mir, wie mir zu verstehen gegeben wird, gute Früchte tragen; denn es ist ziemlich wahrscheinlich, daß aus diesem unverhofften Interim eine dauernde Position herauswächst, welche mich in meiner Laufbahn um ein mächtiges Stück weiter bringt. Im Augenblick aber trifft mich dieser höhere Beschluß |2| hart genug. Alle meine Dispositionen sind seit sechs Wochen auf den Münchener Aufenthalt berechnet, und ich werde große Mühe haben <alle> die vielen angeknüpften Beziehungen auf schickliche Weise wieder zu lösen. Aus unserem Wiedersehen, auf welches ich beim Empfang Ihres geehrten Briefes <ich> mich recht sehr gefreut, wird also ebensowenig etwas wie aus der Zusammenkunft mit einigen meiner liebsten Freunde, die mich jetzt vergeblich erwarten. So ergeht es einem Sclaven der Gazette! Benachrichtigen Sie mich gefälligst, wann ich mir den Koffer, in welchen Sie auch das Inhaltsverzeichnis einschließen wollen, von Frau Fillunger holen kann, und lassen Sie mich Ihren Sommeraufenthalt erfahren. Möge das Beispiel der großherzigen Königin Victoria Sie bewegen eine schöne u. reiche Blütenlese aus Ihren intimen Briefen und Tagebüchern zusammenstellen!
Das erhebende Bewußtsein dem deutschen Volke, das ein Anrecht auf seine Großen, auch nach |3| ihrer menschlichen Seite hin, besitzt, einen Himmelsblick in das Gefühlsleben und die Herzensangelegenheiten des edelsten Künstlerpaares zu eröffnen, muß alle anderen noch so gerechten Bedenken aufwiegen. Alle idealgesinnten Menschen von Kopf und Herz <>sollten Ihnen das bestätigen. Auch Hr. Levi, soweit ich ihn kenne, wird das thun. Grüßen Sie ihn recht herzlich und nennen Sie mir doch den Titel des Werkes über Feuerbach. Ich will es sogleich lesen; denn ich gehöre zu den begeistertsten Verehrern des großen Künstlers, der es mit der Schönheit so ernst genommen, daß er dem Allerweltspöbel von heute ein unbequemes Rätsel war.
Von Hrn. Jansen habe ich lange Briefe, interessante Notizen und einen Band Schumanniana erhalten, der mir werthvoll und dankeswerth erscheint. Wenn Sie es gestatten, vergelte ich Gleiches mit Gleichem und überlasse ihm soviel Zuccalmaglio, als wir entbehren können. Jansen beweist mir soviel Selbstlosigkeit und Opfermuth, daß ich ihn aufrichtig schätzen und lieben [gelernt.]
|4| Verzeihen Sie die vielfachen Correcturen in diesen mühseligen und verworrenen Zeilen. Mich erwarten ungewohnte Lasten und athemlose Ferientage! Mögen die Ihrigen Ihnen um so angenehmer und gedeihlicher hingehen.
Kann ich Ihrem Fräulein Tochter bei ihrer hiesigen Anwesenheit in irgend einer Weise förderlich und dienstlich sein, so stehe ich ihr jederzeit zu Gebote.
In Verehrung
Ihr
sehr ergebener
Max Kalbeck

  Absender: Kalbeck, Max (785)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
628ff

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 4,49
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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