19.12.2019

Briefe



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ID: 18896 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 19.10.1878
 

Hoch u innig-verehrte Frau!

Mit banger Schüchternheit beginne ich diese Zeilen an Sie zu schreiben, da ich – leider – Ihrem Gedächtniß – Ihrem Herzen schon seit langer Zeit entrückt bin. – Morgen aber, wo alle ehrlichen Künstler u. alle aufrichtigen Bewunderer ächter Kunst innig dankend zu Ihnen treten – u wenn sie Ihnen fern sind – wenigstens in ihrem Herzen Ihnen begeistert danken an diesem Tage müssen Sie auch meine Dankesworte anhören, die ich nicht ungesprochen in meinem Innern verschließen kann. – Seit ich in |2| kindlicher Befangenheit das Rein-Schöne zuerst in der Kunst geahnt, u später, in allen meinen Bestrebungen um die Kunst, in all’ meinen Kämpfen – den unverhüllten Ausdruck des Genius zu erfassen – waren Sie u nur Sie immer mein leuchtendes Vorbild. Und als ich dann – nachdem ich der großen Künstlerin im Stillen mich ganz zu eigen gegeben – nun auch der verehrten Frau näher trat, da war ich wohl sehr glücklich. – Noch immer liegt für mich ein Dunkel auf jenen Augenblicken, wo sich Ihr Wohlwollen, – das Sie mir damals entgegen brachten – in Gleichgültigkeit, Ihr herzliches Wesen in Kälte für mich verwandelte. Ich habe diese Wandlung Jahre hindurch bitter empfunden, u. manche Thräne an sie vergossen; u später als Sie wieder hier concertirten, |3| konnte ich nur mit Herzklopfen u Erregung u mit Thränen im Auge den Concertsaal betreten u verlassen u scheu ging ich Ihnen aus dem Wege weil ich nicht die Kraft in mir fühlte, ruhig an Ihnen vorüberzukommen. – O halten Sie dieses Bekenntniß nicht für übertrieben, – ich habe es so lange in mich zurückgedrängt, u einmal mußte es ja doch hinaus! – Wie hab’ ich dem Grund Ihrer räthselhaften Verstimmung gegen mich nachgespäht, wie hab’ ich mich bemüht zu verstehen, welcher Schein es nur sein mag, der auf mir liegt u Sie täuscht. Denn eines reellen Vorfalls konnte ich mir ja nicht bewußt werden, da nur die innigste, reinste Verehrung für Sie, theuerste Frau, u Ihr Hauß in mir lebte. Umsonst; ich erfuhr nichts, ich wußte nichts, u ich fühlte nur schmerzlich den Verlust Ihrer |4| freundschaftlichen Güte, ja selbst denjenigen Ihrer flüchtig-freundlichen Ansprache. Es war ein größerer Verlust für mich als Sie ahnen. Der Pfad, den ich in der Kunst gehe, ist oft ein unwegsamer. Ich habe manche äußere Vortheile die ich auf Kosten meines künstlerischen Gewissens hätte ergreifen müssen, verschmäht, nur um mir meine Ideale rein u ungetrübt zu erhalten, u mich nicht im Angesicht ihrer schämen zu müssen. Ich bin immer allein gestanden hier, mitten in einer Partei, die oft nur mit ihren Leistungen dem äußerlichen Glanz technischer Kunststücke huldigt, u darüber gar manchmal den Zweck des Kunstwerkes vergißt. Nur der Gedanke an Sie, innig verehrte Frau, an Ihre hohe Kunst hat mich erhoben, hat mich |5| getröstet, auch dann noch, als Ihr freundliches Auge sich von mir abgewandt hatte. So überdenken Sie noch einmal Alles, prüfen u erwägen sie, vielleicht werden Sie dann doch zu dem Schluß gelangen, daß ich die Entfremdung Ihres Herzens unverdient tragen muß. – Ich darf heute nichts mehr sagen, – Mein Herz ruft Ihnen im Stillen seinen wärmsten, begeistertsten Glückwunsch u Dank zu – für Alles was Sie uns, was Sie für die Kunst gethan! Möge Ihr Geist u Ihr Körper verbleiben zur Erhebung unserer Seelen, zu unserer Aller Freude – dieß wünsche mit allen Andren Ihre Ihnen in treuer tiefster Verehrung ergebene
Auguste Auspitz-Kolar

Wien, d. 19. Okt. 1878.

  Absender: Kolar-Auspiz, Augusta (848)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
39f.
 

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