19.12.2019

Briefe



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ID: 18917 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 25.10.1878
 

Leipzig, am 25 October 1878.

Hochverehrteste, liebe theure Frau Doctorin!

Leider war es mir gestern Abend wegen Unwohlseins nicht vergönnt, der freundlichen Einladung unsres lieben Herrn Professor Frege zu folgen, um Ihnen zu Ihrem seltnen Jubelfest persönlich meine Glückwünsche und Huldigungen darzubringen, wenn ich auch wenigstens in dem Concert von Anfang bis Ende zugegen war. Es ist mir aber, da ich als <>einer Ihrer frühesten Verehrer noch am Leben bin, und mich seit so langer Zeit die feinsten Fühlfäden mit Ihrem künstlerischen Dasein verknüpfen, als dürfe ich unter den Glückwünschenden nicht fehlen; ich erlaube mir daher, den Gefühlen dankbarster Verehrung gegen Sie wenigstens nachträglich einen schriftlichen Ausdruck zu geben. Welch ein Kranz reichster und herrlichster Erinnerung ist es, den mir die Berührung mit Ihnen und den Ihnen verwandten Kreisen darbietet! Sie betraten mein väterliches Haus in Freiberg als knospendes Jungfräulein, irre ich nicht, zu Anfang oder um die Mitte der dreißiger Jahre, an der Hand Ihres Herrn Vaters! Sie würdigten uns damals, sogar auf unserm schlechten alten Flügel, wie ihn eben eine kinderreiche arme Professorfamilie besitzt, einige Proben Ihres herrlichen Talents zu geben. Sie führten uns in das damals den Meisten noch unbekannte Zauberland der edlen schwärmerischen Romantik Chopins ein. Der älteste und der jüngste Sohn des Hauses5 sangen Sie dafür mit mehr oder minder schlechten Gedichten an, aber entzückt von Ihren Leistungen war die ganze musikalische Professoren-Tischlerfamilie. Nachher kam ich wieder durch einen Kreis strebender Kunstfreunde und Kunstgenossen, unter andern Brendel, Wenzel, und vor allem durch ihn selbst, Ihren nachherigen theuren Gatten mehrfach in persönliche Berührung. Als Sie nicht lange nach meiner eigenen Verheirathung das Ziel Ihrer Wünsche in der Verbindung mit Ihrem Robert erreicht hatten, da beehrten Sie und Ihr lieber uns allen so theurer Herr Gemahl auch einmal unsre damalige bescheidene Wohnung in der Petersstraße, und Sie waren so gütig, auf unsrem sehr mittlmäßigen [sic] tafelförmigen Instrumentchen eines meiner größten Lieblingsstücke, den Carneval Ihres Herrn Gemahls, jene hochpoëtische buntgewirkte Maskenphantasie mit dem duftigen Mondscheinbild der süßen Chiarina (Ihr eigenes Porträt) und dem herrlichen kräftigen Sturmmarsch der Davidsbündler gegen die wimmernden Philistiens zum Besten zu geben. „Du bist eine Hexe“, sagte Ihr lieber Mann in seiner gutmüthig derben Weise, als Sie fertig waren, womit er ausdrücken wollte, „es ist erstaunlich, was Du auf diesem miserablen Instrumentchen geleistet hast.[“] Leider wurde unser damaliges trauliches Beisammensein gestört durch die Nachricht, daß Ihr Kindchen bedenklich erkrankt sei, worauf Sie sofort nach Hause eilten. – Sie erinnern sich auch wohl noch eines sehr vergnügten Mittags, den ich die Freude hatte, unter Theilnahme von Frau Schröder-Devrient an einer Ihnen zu Ehren von Professor Freges veranstalteten Fest<mahl>tafel zuzubringen. Sie waren damals auch ein erst kürzlich vermähltes Paar. Dann kam ich wieder durch Mendelssohn mehrfach mit Ihnen in geistige Verbindung. Einer der schönsten Momente, dessen ich mich erinnere, war der, wo Sie in Gegenwart Mendelssohns im Gewandhaus den Clavierpart in seinem damals noch ziemlich neuen Dmolltrio, das er ein oder ein paar Jahre früher selbst gespielt hatte, höchst vollendet ausführten, und ich zu ihm sagte: „Nun gewiß, sie dürften mit dieser Interpretation Ihres Werkes zufrieden sein“, was er natürlich aus vollem Herzen bejahte. – Und so könnte ich Ihnen noch eine ganze Reihe von Reminiszenzen an glückliche Stunden, die uns Ihre vollendete Kunst bereitete, vorführen. Wer sollte sich z. B. nicht noch mit der größten dankbarsten Freude Ihrer Wiedergabe der großen Beethovenschen Conzerte Esdur, Gdur u. Cmoll erinnern? Es genügt zu sagen, daß nie eine vollendetere Darstellerin des Beethovenschen, Mendelssohnschen, Schumannschen nicht minder auch Bachschen Genius in ihren Clavierwerken gelebt hat, als Sie! Das haben Sie denn auch gestern wieder in der Ausführung des Amollconcertes Ihres lieben seligen Herrn Gemahls bewiesen, des Amollconcertes, dieser schönsten Perle sämmtlicher neuerer Claviercompositionen. Welche geistvolle Auffassung, welch’ seelen- und gemüthvolles Spiel, welche Vollendung noch immer in der Technik! Heil, dreimal Heil der edlen Künstlerin, die nach einer so langen Reihe von Jahren noch im Stande ist, ein Werk göttlicher Begeisterung eines leider für uns alle viel zu früh hingegangenen nun seligen Geistes in solcher Weise ins Leben zu rufen, und so immer ein Blatt nach dem andren in den Kranz seiner Unsterblichkeit einzusetzen! Gott wolle Ihnen noch lange diese Kraft des Schaffens und Wiederschaffens, diese Frische des Geistes und diese Fülle des Gefühls erhalten, auch diesen weichen vollen Anschlag, der so sympathisch in aller Hörer Herzen wiederklingt. Es bleibt mir nun noch übrig, Ihnen meinen wärmsten Herzensantheil auszusprechen, mit welchem ich stets allen Wandlungen Ihres leider oft von so schweren Heimsuchungen geprüften Lebens als Gattin und Mutter gefolgt bin. Möge Gottes Hand, die Ihnen so Schweres aufgelegt hat, und noch auflegt, Ihnen auch helfen, alle diese Anfechtungen durch die Kraft des Glaubens zu überwinden, und Ihnen an den noch übrigen Gliedern Ihrer Familie noch recht viel Freudiges erleben lassen!
Genehmigen Sie, verehrteste Frau, diesen schwachen Ausdruck dankbarster Verehrung für so viele mir bereitete herrliche Stunden, mit welcher ich stets bleiben werde
Ihr
treu anhänglicher
W. A. Lampadius.

Meine Frau schließt sich meinen herzlichen Danksagungen und Segenswünschen von Herzen an.

  Absender: Lampadius, Wilhelm Adolph (907)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 646-650
 



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