19.12.2019

Briefe



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ID: 18924 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 11.08.1867
 

Liebe, verehrte Freundin!
Die Dichter meinen, dass der Mensch auch in Fesseln frei ist; die Philosophen aber wissen, dass er auch in der Freiheit gefesselt ist. Das Schicksal, um die Energie des menschlichen Willens nicht allzu scharf aufzustacheln, kleidet seine Gewalt in immer wechselnde, unschuldig erscheinende Gestalten; hier tritt es unter der Maske eines eigensinnigen Arztes auf, der seinen Patienten von der westlichen Bahn über Baden ab weit nach Osten lenkt, dort als eine Woche Regenwetter, welche alle Hoffnung, ja alle Neigung zu Plänen wie Schnee hinschmelzt, und dann wieder als Sirene, die nach Paris lockt, um den Mann mit der Wißbegierde zu locken, die Frau an Familienbanden zu ziehen. Und so stehen, theure Freundin, die Berge zwischen uns, statt dass wir gemeinschaftlich darin wandeln könnten. Glücklicherweise habe ich eine treue Gesinnung immer noch den letzten Sieg erringen sehen und so hoffe ich unsere Wünsche auch in diesem Sommer zu einem guten Theil noch erfüllt. Zwischen dem 7ten und 15t September kehren wir von Paris nach der Heimath zurück, und wenn ein Bericht von Ihnen uns Sie dort zu finden verspricht, dann gehen wir über Straßburg und Baden-Baden. Was wir in Paris dem Nothwendigen an Tagen und Stunden irgend abringen können, soll dann sparsam u weise zusammengelegt und Alles in Lichtenthal angehäuft werden, um dort oder von dort aus, wo es Ihnen lieb ist, mit Ihnen gelebt zu werden. Nur darf es Sie, das versteht sich wohl von selbst, in keiner Weise u in kleinem [sic] Plane stören. Ich bitte deshalb nur um 2 Zeilen Nachricht an die am Rande stehende Adresse. – Das Rigi ist für uns nicht mehr, was es war; wir finden die Einfalt und Ruhe und das sanfte Behagen des anschauenden Geistes nur in seltenen Stunden; sein edler Widerklang in Musik, ich meine in ächter u guter, hat uns fast gänzlich gefehlt. Nur die Natur bleibt sich gleich, und was das Gemüth jemals aus u in ihr gewonnen ist von unverwelklicher Dauer. Ich bin froh dazu die herzliche Freundschaft rechnen zu können, mit der Ihnen aufrichtig verbunden ist Ihr ergebener
Lazarus

Prof Laz. chez Mr. Alex. Lange
Paris
105 Boulevard Malesherbes

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Rigi-Kaltbad
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
160-163
 

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