19.12.2019

Briefe



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ID: 18928 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 17.07.1868
 

Interlaken, Pension Ritschard
den 17ten Juli 68
Liebe, verehrte Frau!
Ich freue mich meiner sommerlichen Muße, wie aber könnte ich sie besser verwerthen, als dass ich mich an einer schnellen Beantwortung Ihres Briefes betheilige. Lassen Sie mich von dem herzlichen Antheil nicht reden, den wir daran nehmen, dass Ihre Stimmung durch Sorge u Kummer getrübt ist; wenn ich aber darauf sinne, wie wir irgend etwas dazu thun könnten Ihre Sorge zu mindern oder Ihre Stimmung zu heben, so finde ich allen guten Willen immer wieder vergeblich, weil ohnmächtig, und finde nur, dass wir Sie um so eifriger bitten sollen, Ihren Heimweg über Interlaken zu nehmen. Das Oberland ist so schön, und es mit Freunden zu genießen, (wie wir, nicht blos in der Phantasie uns vorstellen, sondern aus früheren Erfahrungen wissen) so doppelt erquicklich, dass ich glaube hoffen zu dürfen, der Umweg werde nicht blos Ihrer Fräulein Tochter erfreulich, sondern auch Ihnen wohlthuend sein. Sie haben zwar zwar, verehrte Freundin, schon so viele Badereisen in diesem Sommer gleichsam Reisen nach dem Nützlichen gemacht; aber die Hoffnung ist berechtigt, dass Ihnen die Reise nach dem Angenehmen u Schönen des Berner Oberlandes Ihnen [sic] nützlicher sein möchte, als jenes directe Aufsuchen des Nützlichen; wenigstens könnte es dienen helfen, den Erfolg der vorangegangenen Kur zu befestigen.
Ob ich im Stande sein werde, die Freude die Sie uns mit Ihrem Besuch hier im Oberlande bereiten würden, dadurch zu vergelten, dass ich zur Verbesserung Ihrer Stimmung Etwas beitragen kann, das weiß ich nicht; gelänge es mir u meiner Frau aber, dann würde es unserer freundschaftlich treuen Anhänglichkeit für Sie eine wahrhafte Genugthuung sein. Wie gern möchte ich heute schon Ihnen auf die eine oder andere Weise Muth zusprechen; aber so blos zu sagen, dass Sie die Sachen leichter nehmen möchten, vermag ich nicht, da ich zu gut weiß, dass das Gewicht einer Sorge und die Last eines Kummers ein eigenes, persönliches Maß hat für jedes Gemüth, auf das sie gelegt sind. Aber Aber auch das weiß ich, dass in dem mündlichen Verkehr, im Gedankenaustausch mit hingebenden treuen Menschen eine Art von Heilkraft liegt, und ich mag mich der Hoffnung nicht verschließen, dass wir Ihnen etwas von derselben hier in Gottes herrlicher Natur bereiten können. Ueber unser Befinden u Erleben wird Ihnen meine Frau noch schreiben; ich meinerseits begnüge mich deshalb mit diesen Zeilen, welche zum Schluss nur noch die Bitte ausdrücken wollen, dass Sie die Güte haben möchten, uns einige Tage vorher Ihre Ankunft zu melden, damit wir für ein passendes u angenehmes Logis sorgen können. Somit seien Sie Beide herzlich in Interlaken erwartet bei u von Ihren
aufrichtigen Freunden Lazarus

NB Wir bleiben hier in Interlaken etwa bis zum 8ten August.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Interlaken
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
172f.
 



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