19.12.2019

Briefe



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ID: 18930 Brieftext


Geschrieben am: Montag 27.07.1868
 

Interlaken d 27ten Juli 68
Liebe, verehrte Frau!
Ein so freundliches Schreiben, wie das Ihrige vom 24ten dM. möchte ich denn doch nicht schweigend beantworten, wenn ich auch – oder grade weil ich Ihren liebenswürdigen Vorschlag Schweigen für Antwort zu nehmen sonst herzlich anerkenne. Ich komme nicht, ob ich gleich weiß, was ich wahrscheinlich dabei verliere. Wir hatten in Berlin, wie Sie wissen, den Gedanken, zusammen nach St. Moritz zu gehen. Da entschied dann der Arzt für meine Schwester, dass sie nach Interlaken gehe, und wir, dass wir sie begleiten. Darauf hatte meine Frau in Gegenwart von Frau Prof. Schaum4 den kühnen u noch mehr gütigen Gedanken, mich allein für 14 Tage nach St. Moritz zu entlassen; ein Gedanke, den Frau Schaum mit freundlicher Theilnahme, wie ich sehe, aufgefaßt hat. Auch heute noch redet die opferwillige Güte meiner Frau zu, dass ich gehen müsse. Kein Wunder Wunder! denn sie gönnt mir die Freude, und sie weiß, wie groß sie wäre, wenn ich mit Ihnen u Frau Schaum einige Tage im Engadin herumlebte. Sie gönnt die Freude auch Ihnen Beiden – unter uns gesagt; – denn dass ich es ausspreche, dürfte sie nicht wissen. Strenge in Form, fände sie dergleichen Behauptung von sich selbst immer prätentiös. Ich aber gar nicht. Im Gegentheil, ich finde ein Unrecht darin, unausgesprochen zu lassen, was gegenseitig ein so wohlthuendes Gefühl bereitet, zu wissen nemlich, dass man zugleich Freude bereitet u empfängt, ob im gleichen Maße oder nicht, jedenfalls in einem hohen. Ist doch das Schöne von solcher gegenseitigen Freude, dass sie nur messen zu wollen, schon vermessen wäre. – Und dennoch kann ich nicht kommen. Einmal möchte ich meine Damen – zu denen nun auch die kleine Nichte aus Paris gehört – nicht allein lassen. Wie sie nun einmal sind, würden sie u meine Frau besonders, meine Anwesenheit entbehren, und entbehren sollen sie nicht was ich ihnen gewähren kann. Unterhaltung würde Ihnen zwar nicht fehlen; denn wenn wir uns auch von der hiesigen Gesellschaft und namentlich von meiner Bekanntschaft fast gänzlich fern gehalten gehalten haben, so kommen doch ab u zu, wie bereits reichlich geschehen, Berner Freunde, uns hier zu besuchen. Aber auch dies fesselt mich etwas. – Dann aber müsste ich über 24 Stunden hin u so viel zurück reisen, um höchstens 3 bis 4 Tage in St. Moritz mit Ihnen zu sein. Denn am 8–9t August wollen wir Interlaken verlassen, uns aber hier noch Ihrer Gesellschaft erfreuen u Ihrer lieben Tochter zugleich ein wenig das Oberland zeigen. Also verharre ich lieber in der Erwartung, Sie, sobald als es Ihnen behagt, hier zu begrüßen.
Bitte, liebe Freundin, grüßen Sie Frau Schaum von uns Allen herzlich u sagen ihr, dass wir auch von ihr die Anzeige erwarten, wie bald sie hierher zu kommen gedenkt.
Von Ihnen aber, verehrte Freundin, erbitte ich nochmals, sobald als Sie es bestimmen können, die Nachricht, wann wir Sie hier erwarten dürfen, und verharre mit den besten Grüßen
Ihr aufrichtig ergebener Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Interlaken
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
176f.
 



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