19.12.2019

Briefe



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ID: 18934 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 28.11.1869
 

Liebe, verehrte Frau!
Ich werde es morgen schmerzlich entbehren, Ihnen nicht die Hand drücken zu können; aber während ich einmal wieder auf den Schienen dahingleite (um wenige Tage fern zu sein) soll dies Blatt in Ihre Hand kommen; und Ihnen, theure Freundin! ein Wort der dankbarsten Freude für den heutigen Abend von mir bringen. Aber das arme Wort kann nicht sagen, wie Musik und solche Musik – eben Unsagbares wirkt. Ich meine nur in Tönen kann man für Musik danken u von ihr reden, wie man Diamanten nur mit Diamanten schleifen kann. Aber Lessing hat einmal den kühnen Ausspruch gethan: Raphael wäre, auch ohne Hände geboren, der große Maler geworden; weil der Geist u Blick des Malers in ihm gewesen wären. Wenn es nur nicht gar zu unbescheiden klänge, ich wäre auch so kühn zu behaupten, dass ich, ohne musikalische Hand, doch von den Melodien, die der Ihrigen wie einem Füllhorn entströmen, so tief innig bewegt u so eigenartig erhoben werde, als ob ich selbe Harmonieen schaffen oder spielen könnte. Und warum denn nicht? Stammt denn nicht die musikalische Harmonie wiederum aus jener letzten u tiefsten Quelle, aus dem Geiste der Harmonie u der Harmonie des Geistes selbst? so dass auch ein armer Philosoph sich ihr durch andere Pforten nahen kann? Gewiß ich fühle es, nicht nur an der Freude, mit der mein Geist Ihren Tönen folgt, sondern auch an der herzlichen Gesinnung mit der ich Ihnen anhänge u Sie verehre. Gott erhalte Ihnen die gesegnete Kraft, mit der Sie, theure Frau, heute Abend hunderte Menschen glücklich u dankbar gestimmt haben; beides in vollem Maße meine Frau u
Ihren treuen Freund
Lazarus

Sonntag d 28ten Novber 69
Abends 11 Uhr

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
184ff.
 



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