19.12.2019

Briefe



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ID: 18942 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 14.09.1870
 

Berlin den 14ten September 70
Theure Freundin!
Ich habe immer behauptet, weil oft erlebt, dass der Faden der Geduld nach längerem Schweigen bei gleich gestimmten Gemüthern auf beiden Seiten zugleich zu reißen pflegt; so haben wir auch Ihnen gestern morgen ein Telegramm als Gruß zu Ihrem Geburtstage gesendet u kurz darauf Ihren lieben Brief vom 10ten dM. erhalten. Wir danken Ihnen von Herzen, dass Sie unserer innigen Theilnahme mit dem Bericht über Alles, was Sie und die Ihrigen betraf u betrifft entgegen gekommen; aber ich wollte, dass wir diesen Monat bei Ihnen verleben, Freude u Sorge in täglichem Verkehr mit Ihnen empfinden u aussprechen könnten; es geht nicht, besonders weil mir die Freiheit fehlt. An Ihrem gütig ausführlichen Bericht habe ich ein Wort über Ihre Gesundheit vermißt; ich will hoffen, weil ich wünsche, dass dies die beste Deutung gestattet, und Sie in dem Wechsel freudiger u schmerzlicher Empfindungen sich kräftig erhalten haben. Das ist auch ein Zeichen dieser großen Zeit, die wir mitzuleben berufen sind, dass die Menschen, nicht nur im Felde sondern auch in der häuslichen Mitte, Spannungen zu ertragen, Gemüthserschütterungen zu überwinden im Stande sind, von denen sonst ein kleiner Theil Gesundheit u Gleichmuth erdrücken würde. Mehr als je tritt uns der Gedanke, – was sage ich der Gedanke, das unmittelbarste Gefühl nahe, dass das Schicksal des Großen Ganzen unser Herz am meisten erfüllt, dass wir als ein Theil dieses Ganzen empfinden und uns empfinden; wir sind zwar nicht wir selbst, aber wir sind etwas Besseres, als wir sonst sind, wenn wir nur an uns denken. Dies habe ich so recht lebhaft auch aus Ihrem Briefe herausgefühlt, dass ich es nicht verschweigen mag, obwohl es nur die natürliche Tiefe und Größe Ihres Gemüths ausdrückt, die ich immer an Ihnen gekannt und verehrt habe. Gewiß aufs Innigste fühle ich mit Ihnen den Schmerz der um das Schicksal Ludwigs Ihre Seele beschwert; aber Ihr Herz ist im Felde, wo ein anderer geliebter Sohn im Kampfe für die Freiheit u Größe des Vaterlandes steht. Mit Gottes Hilfe wird er glücklich unter den Siegern heimkehren, und pflichttreu u liebevoll, wie er im Kreise der Familie steht, auch als ein pflichttreues u edles Glied der großen Familie des deutschen Volkes sich fühlen. Immer ist die sorgenvolle Liebe der Mutter schön u heilig; aber in diesen großen Tagen wird ein sittlicher Adel darüber ausgebreitet, der die ganze Tiefe des Menschengemüths glänzend beleuchtet. – Möge Ihnen, verehrte Freundin, Ihr Theil an der Siegesfreude warm u ungetrübt erhalten bleiben! Auch zu dem nunmehr verdoppelten ehelichen Glück Ihrer lieben Julie wünschen wir Ihnen von Herzen dauernde Erhaltung. Möchte Ihnen doch in jedem Ihrer Kinder noch für jeglichen Schmerz der Vergangenheit ein Trost, für jede Sorge der Gegenwart eine Freude, für alle Angst und Pein eine wohlige sonnige Heiterkeit zu Theil werden, die dem freudebereitenden Wirken des Künstlers edler Lohn und fruchtbarstes Element ist. Sie, liebe Freundin, werden mir es glauben, wenn ich sage, dass die Freundschaft es als eine peinliche Ohnmacht empfindet, so wenig dazu mitwirken zu können. Aber gewiß die gütige Vorsehung wird wie durch die glücklichen Wendungen des vaterländischen Schicksals, auch durch heitere Loose Ihrer Kinder u vor Allem in Erfolgen Ihrer gottgesegneten künstlerischen Kraft Ihre Lebensfreude erhalten u erhöhen. Wohin gedenken Sie denn nach Ablauf dieses Monats Ihre Schritte zu lenken? Hoffentlich erhalten wir bald den Frieden, und dann dürfen wir erst um so gewisser hoffen, dass Sie hieher kommen; hieher wo bei den Heimgekehrten – mit Gottes Hilfe auch ferner glänzenden! Siegern gewiß ein empfänglicher, fruchtbarer Boden für die Gaben der Kunst sein wird. Soll ich noch eins hinzufügen: hieher wo Sie die innigste Freundschaft zugleich willkommen heißt, mit der Ihnen treu ergeben ist Ihr
Lazarus

Ihre lieben Kinder alle, die bei Ihnen u die fern sind, grüße ich bestens.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
200-203
 



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