15.07.2019

Briefe



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ID: 18944 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.11.1878
 

Nizza d 1t Novbr 78
Geliebte theure Freundin!
Ich hoffe dieses Blatt findet Sie gesund u glücklich inmitten Ihrer lieben Kinder, u an Ort u Stelle; kennt es auch die Stätte nicht wo Sie in dem neuen Wohnorte Ihre Zelten aufgeschlagen, so kennt Sie doch die Welt u diese wird ihm aushelfen müßen. Vergeblich haben wir im Sommer Ihren Aufenthalt erforscht, so daß wir den 13t Septbr ohne äußern Gruß mußten vorübergehen lassen, u um so herzlicher erfreut wurden als am 15t September, Ihre großmüthigen Wünsche nicht ausgeblieben, u uns nach Paris gefolgt u dort auf fremden Boden zumal, doppelt beglückten. Wir danken Ihnen herzlich für treues Gedenken, das Sie gewiß auch stets bei uns voraussetzen können, so wenig wir uns selbst in der Nachbarschaft berührten, so unverlierbar ist danach unser herzlicher Antheil an Ihrem Wohlergehen, u die Verehrung die so tief in unserem Gemüthe wurzelt, unauslöschlich. Wie Sie sich in Ihrem neuen Wohnorte gefallen, wie Ihnen das dortige Leben u das Kunstinteresse zusagen, ob Sie schon einzelne Menschen gefunden denen Sie sich anschließen möchten u Ihrem Herzen gewähren was dieses sucht, möchte ich natürlich gern von Ihnen hören, u ich hoffe daß Ihre liebenswürdige Frl. Marie mir gern diesen Wunsch erfüllt, wenn Ihnen liebe Freundin das Schreiben schwer fallen sollte. Von uns kann ich Ihnen Gottlob Gutes sagen; wir sind wohl u genießen die schöne Welt hier die wir zum ersten Male bewundern, mit dankbarer Empfindung. Ein 6 wöchentlicher Aufenthalt in Paris, theilweise auf dem theuren Landsitze meiner lieben Nichte in Ville d’Avray (bei St Cloud) hatten [sic] schon durch seine südliche Luft mir wohlgethan, u einen Husten fortgeschafft der mich während des ganzen Sommers recht krank gemacht, u eingesperrt hatte, so daß ich unsern schönen Garten, der durch liebevolle Behandlung sich immer schöner entwickelt, kaum gesehen. Unser Berliner Arzt wie der Leipziger: Geh Wagner, befanden einstimmig darauf einen Winter im Süden zu verleben, um einmal die Katarrhneigung zu unterbrechen, wenigstens müßte man es versuchen, u dem nördlichen Herbste aus dem Wege gehen. Mein Mann nahm für den Winter Urlaub, der Minister ertheilte ihm ihn mit sehr schmeichelhaften Worten u versah ihn mit so vielen Empfehlungen auch vom Rheichskanzler [sic], daß er später in Italien allen möglichen Zutritt haben wird die der Gelehrte nicht ungern benutzt. Bis jetzt bin ich frei von Katarrh geblieben, u setze mich vielerlei Dingen aus die ich in der Heimath längst gesehnet. Natürlich macht die Hoffnung endlich wieder einmal ein brauchbarer Mensch zu werden uns, u meinen Mann insbesondere sehr glücklich, u geht es so fort woran ich zuweilen zweifele, so bleiben wir noch einige Monate hier, u gehen später nach Italien dem Lande das zu sehen u zu kennen Dichter u Erzähler von Jugend an mir einen tiefen Wunsch in mir genährt, u nun sich so spät erfüllen soll. Fehlt nun auch die Illusion der Jugend die ja den Genuß erhöhet, so bringt man vielleicht dafür so Manches mit was ihn reich genug empfinden läßt, etwas mehr Reife einige nöthige Vorbildung, u einen klärenden Führer in meinem Mann der so viele Freude an dem Genuße Anderer hat, daß ich mich schon aus diesem Grunde gern amüsire. Frau Geh. Griesinger eine uns sehr liebe u angenehme Freundin reist uns dieser Tage nach, um mit uns zusammen den Winter zu verleben, u so ein tactvolles fremdes Element ist ganz angenehm für die Anregung u den Austausch der Unterhaltung. Mein Mann arbeitet auch hier regelmäßig seine sich vorgesetzte Zeit, um genußfähig zu bleiben, wie er sagt, u ein bloßes Umherirren gar nicht für die Länge verträgt. Sein leztes Buch das er herausgegeben (eine Sammlung von Vorträgen weiter ausgeführt) wartet auf Ihre genauere Adresse theure Freundin, da man Bücher nicht gern auf gut Glück (dh in diesem Sinn –) in die Welt schickt. Es erfreut sich großer Gunst, u würde mich freuen – gewährte es auch Ihnen für Stunden Freude u Erhebung, ich weiß es ja, daß Sie ihn mit Theilnahme lesen werden. Wie schön wäre es gewesen hätten wir hier einen Winter mit Ihnen zusammen leben können; seit dem „Rigi“ ist es uns nicht wieder so gut geworden, u doch waren jene Tage schön, u stifteten unsere dauernde Zusammengehörigkeit. Es ist mir oft ein Räthsel wie man sich vor den liebsten Dingen selbst einen Riegel vorschiebt, man bildet sich ein seinen eigenen Willen zu haben, sein kleines Schicksal zu leiten, u doch ist man vielen Dingen gegenüber willenlos u wird vom Schicksal geführt, selbst in kleinen Dingen. Aber wo ist, wo lebt Ihr Herr Sohn Felix jetzt? ist er in unserer Nähe oder was ich von Herzen wünsche nicht mehr bedürftig fern von Ihnen u der nördlichen Heimath leben zu müssen? Sollte er aber doch noch irgendwo im Süden leben, so bitte theilen Sie uns es mit, vielleicht können wir ihn aufsuchen oder irgend wie etwas Liebes anthun. Wir wohnen hier im Hôtel de Nice, sehr angenehm, u doppelt gut aufgenommen da unsere Wirthin die Tochter des Bernerhofs – in Bern ist, welche wir heraufwachsen sahen, da wir 4 Semester im Bernerhofe gewohnt, u von ihren Eltern mit wahrer Liebe die für einen Gastwirth fast unglaublich ist, behandelt wurden. Diese Liebe oder Schätzung ist nun auch auf die Kinder übergegangen, u so genießen wir hier eine Bevorzugung die recht wohlthuend ist. Zu einem ungestörten Friedensgenuß ist Alles von Bedeutung, u da wir nichts so sehr scheuen als Aerger der in fremden Häusern so leicht zu finden ist, so ist uns die Ersparniß doppelt werthvoll. Von unseren Reiseerlebnissen von Paris will ich Ihnen heute Nichts erzählen nur so viel daß: Schumann in Paris jetzt mit Vorliebe gespielt u gehört wird, daß meine Nichten, daß die Töchter meiner früheren Schwägerinnen von denen die Eine ein reizendes Mädchen Schumann mit Wonne spielt, so daß mein Mann ihr vieles Fehlende zum Geburtstag, der grade stattfand, geschenkt; Sie [sic] spielte auch das Wiegenlied, das ich von Ihnen gehört! will sagen daß dies kein Anderer spielten dürfte u doch kamen mir die Thränen in die Augen, u vergegenwärtigten mir Sie daß Sie später der Gegenstand eines lieben Gespräches wurden. – Doch so schmerzfrei ich mich geschrieben – ich hatte Kopfeweh [sic] beim Beginnen, u wie immer verliere ich es in guter Gesellschaft, so will ich doch meinem lieben Philosophen Platz machen der ja immer gern ein trautes Wort mit seiner sehr verehrten Freundin gesprochen. So wünsche ich Ihnen denn so recht von Herzen wohl zu leben, wünsche daß Sie u Ihre lieben Frl. Töchter volle Genugthuung an dem immerhin schwierigen Ortswechsel finden u daß uns bald eine günstige Gelegenheit werde Sie Alle theure Freunde wiederzusehen! Gottbefohlen!
Ihre Sie treu liebende
u verehrende S. Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 257ff.
 



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