15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 18945 Brieftext


Geschrieben vor dem: Montag 13.01.1879
 

Nizza d t Januar 79
Geliebte verehrte Freundin!
Es war schön von Ihnen daß Sie Ihrem Dictat die eigenhändige Unterschrift gegönnt, ich drücke dann so zu sagen geistig die liebe kluge Hand, u entbehre sie schmerzlich bei dem besten Inhalt, u so danke ich Ihnen doppelt für Ihren Brief der uns zwar des Schmerzlichen genug, aber doch auch so viel Glückliches verkündete, daß man dankbar sein muß in trüber Zeit wieder einen Sonnenstrahl hereinleuchten zu sehen, der immer wieder den Werth Ihres Daseins bestätigt u beleuchtet. So gratulire ich denn von Herzen zu der Königlichen Auszeichnung besonders darum: weil Sie darin den Ausdruck des ganzen Volkes erblikken dürfen, denn Jeder der Sie kennt u Ihr Genie von „Gottes Gnaden“, genossen, prägt für Sie in seinem Herzen goldene Medaillen für noch andere Tugenden als „Kunst u Wissenschaft“. Aber so ein armer König hat nur das Glück Sie von außen zu können [sic], da kann man nicht mehr verlangen, giebt freilich dafür auch das Beste was er hat –; was aber würde Unsereins bei königlicher Fähigkeit thun, die das Glück gehabt tiefer in Ihr Herz, u Leben, blicken zu dürfen. Daß |2| Daß ich neben dieser freudigen Empfindung gleich zu der kummervollen Nachricht übergehen muß die Sie uns von Ihrem lieben Sohne Felix geben, gebietet meine innerste Theilnahme; denn uns hat die trübe Kunde doppelt schmerzlich überrascht, da wir ihn mehr genesen wähnten, u in der lezten Zeit fast gar nichts darüber gehört. Es ist furchtbar ein so junges schönes Leben hinwelken zu sehen, u bei allem Thun – nichts thun zu können um es festzuhalten. Vielleicht gelingt der häuslichen Pflege noch, was alle Opfer nicht vermocht denn daß Sie davon viele genug gebracht weiß Gott, u so mag das schwerste, das Leiden vor sich zu haben, u dabei ein verpflichtetes Leben pünctlich fortzuführen bei Ihrem Naturell – Sie über Vieles trösten u beruhigen. Schon von anderer Seite habe ich gehört wie liebe u ehrenvoll Sie in Frankfurth aufgenommen, u wie sich dieses annectirte Völkchen auf den Werth des Besten versteht. Es thut einem wohl daran zu denken wie diese Wahl so glücklich ausgefallen, denn ganz ungewöhnlich sollen grade die Frankfurther für Musik eingenommen sein, zumal nun wenn sie sie in der unvergleichlichen Weise |3| executirt hören, u nun gar noch von der verehrten Meisterin belohnt werden. Gott schenke Ihnen nur volle Kraft u Gesundheit u ein unbekümmertes Herz um Ihrer Aufgabe mit nicht zu großer Anstrengung gerecht werden u bleiben zu können.
So sehr ich es zu beklagen habe Sie nicht mehr in unserer Nachbarschaft denken zu können so sehr scheint mir der Tausch mit Frankfurth doch ein glücklicher noch für andere Beziehungen, u wie gern ich mich persönlich von Allem was sie umgiebt überzeugen möchte, u mit Ihnen vom Herzen herunter ausplauderte können Sie denken, nach dem Sie wissen wie sehr ich Sie liebe, u mich Ihr Leben wie das eines lieben Verwandten interessirt. Aber da wir noch Italien besuchen wollen, u wärmeres Wetter abwarten müssen, bleibt uns für dasselbe wenige Zeit, da mein Mann Anfangs April zurück sein muß, u wir über München kommend wohl schon eilen müssen, rechtzeitig heimzukehren; sollte es uns irgend vergönnt sein noch ein paar Tage zu erübrigen, so machen wir den kleinen Umweg gewiß, u zeigen es Ihnen zuvor an. Heyses wollen uns in Italien begegnen, u mit uns einen Theil, führend zusammen wandern, es kann schön werden, u vielleicht machen wir auch mit Ihnen geliebte Frau u den lieben Kindern einmal diese Wanderung zusammen, wir sind dann schon besser geschult |4| geschult u mein lieber Philosoph ein guter Passagier. Aber auch ich bin nicht übel auf der Reise, bin ich gesund so erwachen alte heitere Seiten in mir die grade in der harmlosen Stimmung welche Reisetage immer in sich tragen hervorgerufen werden. Nebenbei führe ich Dinge mit mir die schon mancherlei Verlegenheiten ferngehalten, u fast allen Sterblichen zusagten: einen reichen, wohlconditionirten Corbeille d freche In Berlin würde er einfach Freßkober heißen, der aber nicht bloß Messer u Gabeln sondern auch Nadel u Scheren enthält, u allerlei Fäden wodurch die Unterhaltung nicht abreißen kann. Glauben Sie nicht liebe Freundin daß es Charlatanrie [sic] ist mit welcher ich mich Ihnen recomandire, denn ich habe von meinen ärztlichen Fähigkeiten ja noch gar nicht gesprochen ich will nur verhüten, daß Sie sich für Italien anderweitig engariren [sic]. – Unser Leben hier gleicht ganz dem früher geschilderten, wir leben ziemlich reservirt um unsere Freiheit nicht zu verlieren, das wird uns zwar hochmüthig ausgelegt, man beklagt sich darüber, thut uns doch aber Alles zu Gefallen wenn der Zufall uns außer dem gemeinschaftlichen dinèr, zusammenführt. In den Abendstunden der Muße, liest mein Mann uns vor, aus den neusten Werken der Dichter, welche diese uns gesandt. Ebers Freitag Vischer Spielhagen Franzos u unser lieber Heyse. etc: es sind dies die einzigen Stunden welche mein Mann außer der nöthigen Promenade seinen wissenschaftlichen Arbeiten abzieht, soll man da aus der besten Gesellschaft in eine mittelmäßige sich begeben? Doch nun muß es geschieden sein, es ist Mittag u die schöne Sonne die auch hier oft gefehlt ruft an’s Meer um mein Remedium den reinen Aether einzuathmen. Könnten Sie geliebte Frau ihn mitgenießen! er würde auch Sie erquikken. So möge Gott Ihnen u Ihren theuren liebenswürdigen Kindern in der Heimath volle Gesundheit schenken bis auf ein glückliches Wiedersehen. Seien Sie in alter Liebe u Verehrung umarmt von Ihrer getreuen S. Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Frankfurt am Main
  SBE: II.18, S. 263-268
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.