15.07.2019

Briefe



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ID: 18950 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 09.07.1871
 

Theure verehrte Freundin!
Ich hoffe diese Zeilen finden Sie noch in Baden oder vielmehr ich hoffe es nicht, denn inzwischen ist es warm geworden u Sie werden die Nothwendigkeit nicht vergessen an sich zu denken Ihren Nerven neue Kräftigung zu suchen die Sie fürchte ich in dem weichen warmen Baden nicht finden werden. Ich kann mir denken wie schwer es Ihnen wird das liebe Häuschen zu verlassen, das Sie so wenig genießen u in welchem Sie sich von Ihren Kleinodien umkreist sehen können wie nirgends anders, denn es gehört zur vollen Behaglichkeit für beide Theile Mutter u Kinder das eigene Haus, allein Ihre kostbare Gesundheit steht doch in erster Linie u so werden Sie wohl diesem Theile erst genügen müssen, um denn mit voller Gewissensruhe u schon in mehr abgekühlten Tagen alle Freuden des Familienlebens nachzuholen. Ich hoffe auch wir werden bedacht; da Sie sicher doch Ihre Kräftigung in der Schweiz suchen, so sind Sie dem Oberlande bei der Rückkehr nie so fern, als daß Sie uns nicht das Opfer brächten uns mit Ihrem lieben Besuch zu beglükken. Sie lieben ja Interlaken u machen uns auch gern ein Freude, so hoffe ich versagen Sie uns diese Freude nicht. Bringen Sie nur alle lieben Kinder mit, auch das liebe Kind Eugenie die mich schmälig verlassen die ich ich aber dennoch sehr liebe. Mein Befinden nach welchem Sie sich theilnehmend erkundigen, hat mir gestattet hier her zu reisen ohne besondere Beschwerden; wir übernachteten in Leipzig um die Reise abzukürzen. Allein ich bin noch nicht gesund, u bilde mir ein es nicht mehr recht zu werden. Ich sollte hier baden sobald der Katarrh völlig vorüber ist, aber er scheint mich völlig nicht mehr verlassen zu wollen, u der hiesige Arzt will mich überhaupt nicht mehr baden lassen. So sehe ich mich denn auf’s Trockene gesetzt fühle mich schwach zu jedem Unternehmen, weine u lache, oder mache ein urernst Gesicht das in die Zukunft blickt. Mein armer Lazarus ist natürlich mein Trost, an u für sich, u durch die ruhige liebevolle Art womit er meine Laune u zuweilen auch meinen Glauben zu erhalten oder anzuregen verstehet. Nun hat er mich leider verlassen müssen, er ist wieder zu einer Synode in Augsburg gereist, so ungern auch, er konte [sic] die nun einmal angeregten Dinge nicht fallen lassen. So sind denn seine Mußetage sehr verkürzt, seine Bäder sehr unvollständig genommen worden, um sich dort in lästige schwere Verhandlungen zu vertiefen, die ihm später erst noch große Arbeit u Correspondenzen endlos eintrugen. So waren auch hier seine Tage in voller Beschäftigung hingegangen, nur uns wollte er Nichts entziehen, u so lasen wir einen Roman morgens u bei Regenwetter auch Abends gemeinschaftlich durch, u noch einige andere mir fremde neue Dinge. Ich würde sie Ihnen schicken hätte ich nicht die Hoffnung daß auch diese beikommenden Sie verfehlen. Der Brief aber denke ich wird Ihnen wohl nachgeschickt werden da die allgemeine Ordre für wichtige doch wohl gegeben worden der nun auch diesen werthlosen befördern hilft. – Im Uebrigen ist es hier recht hübsch, wir sind wieder in der alten Wohnung der schönsten kann man sagen Nauheims, etwas hoch auf einer Terasse liegend u rings von Garten umgeben. Es wohnen noch manche andere Familien im Hause, wir aber haben uns bis jetzt anzuschließen an Niemanden, die Lust verspürt; man giebt sogleich seine Selbstständigkeit auf, will man nicht ungefällig gelten. Eines macht mir an dieser Gemeinschaft Vergnügen, es wird viel musicirt u es wird Bethhoven [sic] u Schumann Mendelsohn [sic] etc. gespielt, die verstehen es mich zu erheben, u mich u mein schwaches Herz so oft ich sie sprechen höre vergessen zu machen. Es ist kein besonders gutes Spiel das ich dieser Dame nachrühmen könte [sic] aber immerhin sind es die bekanten [sic] Töne die einzudringen vermögen wenn sie nur richtig angeschlagen werden, u mich beglücken. wer kann auch immer begehren wollen das Beste Vollkommenste was die Erde für mich wenigstens, u wenn der Neid es zuläßt – für Alle besitzt die liebe geliebte Hand der Frau Schumann zu vernehmen, das sind geweihete Augenblicke die man eben nur selten genießt. Meine Schwagerin [sic] Jeanette empfiehlt sich Ihnen angelegentlich, u die kleine ausgelassene Agathe macht ihren Knix. Paul Heyse besuchte uns für einen Tag, er ist nach Leipzig zu einem Congress gereist, u sendet Ihnen seinen Gruß. Leben Sie denn Alle von Herzen wohl, u geben Sie uns bald ein Lebenszeichen wo wir Sie denken können, u wie es Ihnen ergehet und was wir auf unsere Bitte erwarten dürfen. Daß mein Mann die Absicht hat Sie in St Moritz zu besuchen, hat er Ihnen wohl gesagt. Einen herzlichen Händedruck von Ihrer, Sie herzlich liebenden u verehrenden
Sarah Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Bad Nauheim
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 214-217
 



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