15.07.2019

Briefe



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ID: 18952 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 25.03.1870
 

Berlin d 25ten März 70
Verehrte geliebte Freundin!
So viel wir Ihrer auch gedacht, von Ihnen gesprochen u die Nachrichten die uns die Zeitungen über Ihre Triumphe gebracht mit inniger Freude aufgenommen, es wollte sich durch das Durcheinander unseres Lebens nicht die behagliche Sammlung finden um Ihnen einen Brief zu senden an welchem mein Mann sich betheiligen konnte. Denn neben der gesteigerten Thätigkeit meines Mannes hat seinen rechten Arm ein so heftiger Rheumatismus erfaßt, daß er nur auf dem Knie mit Mühe, u nicht schmerzlos schreiben kann. Dazu Erkältung auf Erkältung durch hunderterlei Anlässe bis er in’s Bett gemußt per Ordre de Traube, worin der H Patient indeß nicht lange verweilte; denn eine Einladung der Kronprinzlichen Herrschaften die er 8 Tage zuvor schon mal angenommen hatte um ihnen einen Vortrag zu halten, u wozu noch mehr Gäste eingeladen waren, hielt ihn nicht; es hätte Allen abgesagt werden müssen u das war ihm mehr zuwider als seine schwachen Kräfte zusammennehmen, aufstehen sich ankleiden um in dieser Umgebung einen freien psychologischen Vortrag zu halten. Ich stand bei diesem Entschluß (gegen den Willen des Arztes) wie verdonnert da, zitterte über die daraus entstehenden Folgen im Voraus, wie es einer zärtlichen Gattin gebührt, und mußte dem sanften Tyrannen noch zur Hand sein von a–z, denn er konnte den Arm nur wenig brauchen. Er beruhigte mich freilich dadurch: daß er sich schon öfters durch eine geistige Erregung über den Fieberzustand hinweggeführt habe, u daß er hoffe es werde auch diesmal der Fall sein. Gottlob es war Alles glücklich abgelaufen, es hatte körperlich wirklich soweit wohlgethan, daß er nicht wieder in’s Bett zurückgemußt worüber Traube heut noch staunt der sehr ängstlich war. Die Aufnahme des Vortrags u des Besuchs war eine sehr huldvolle, ungemein wohlthuende. Nach dem Vortrag wurde der Thee gereicht, u da unterhielten sich beide Herrschaften abwechselnd fortwährend mit ihm, über die einzelnen Gedanken u Punkte des Vortrags die Frau Kr. sehr eingehend u mit ungewöhnlich ernster Bildung, worüber Lazarus rechte Freude hatte; der Kronprinz sprach seine begeisterte Bewunderung aus, u unterhielt sich über Zeitfragen etc so offen u männlich daß Lazarus einen sehr angenehmen Eindruck mitgenommen. Die Woche drauf besuchte er ihn 2 Tage hintereinander in seinen Vorlesungen auf der Kriegsacademie, als Beweis wie er sich angezogen fühlte, u so der Ausdrücke mehr, die einen ausgesprochen beschämend sind. Das also war eine freundliche Episode unseres Winterlebens wenn auch eine anstrengende sonst aber war das Leben gehastet durch Arbeit Unwohlsein u gesellschaftliche Beziehungen die nicht alle zu umgehen waren, u was nebenbei auch nöthig ist soll man nicht ganz im Ernst des Treibens aufgehen. Vor einigen Tagen waren Ihre beiden lieben Kinder Ferdinand u Eugenie zum Thee mit noch mehr Gästen bei uns; sie machen Beide einen so lieben Eindruck daß die Meisten mich nach Ihnen frugen, ja Eugenie gefällt so ungemein mit ihrer Bescheidenheit u Einfachheit neben einem klaren Verständniß u Empfänglichkeit daß sie allen übrigen jungen Damen den Rang abgelaufen so unbewußt, daß die einzelnen Herren zu mir sagten: selten begegnete man jetzt einer solchen Erscheinung u so habe ich höchst Erfreuliches über sie gehört. Als ich nun auch mein Liebeswörtchen dazu gegeben u gesagt: wie die herrliche Mutter nah u fern ihren Einfluß auf alle die Äußerungen ausübe, da sagte mir ein junger Offizier, jawohl ich kenne noch eine Schwester ein höchst anziehendes Mädchen mit der ich einmal in Königsberg (glaube ich) getanzt, u die mir auch einen solchen Eindruck zurückgelassen. Das wird wohl unsere liebe Marie gewesen sein er schilderte sie als sehr ernst. Erinnern Sie sich eines Offiziers Luetgen? Sehen Sie theure Frau so liebe Kinder haben Sie erzogen, die Gott u die Welt freuen; es hat Mühe u Sorgen gekostet ich weiß es wohl, es war aber der Mühe werth, u was Sie schweren Herzens oft, gesäet, wird zu Glück u Befriedigung aufgehen, dessen bin ich vollen Herzens überzeugt. Ihr lieber Ferdinand wird nun bald seine Lehrjahre abgedient haben, wie harmlos u hingebend ist dieser Mensch wirklich rührend unschuldig, auch diesem sage ich eine glückliche Zukunft voraus. Die Leute bei uns freuten sich über sein zuvorkommendes Wesen gegen die liebe Schwester, u priesen Sie eine glückliche Mutter mit den höchsten Gütern begabt. Ich glaube an diesem Abend dicker vor Freude gewesen zu sein so wenig ich sonst nach mehr meines Umfangs begehre, so sehr gern lasse ich mir Alles gefallen wenn ich von Ihnen nur sehr geliebte Frau dergleichen vernehmen kann. Wenn Sie doch einmal einen Winter ruhig hier bleiben könnten! ohne den Hintergedanken fort zu müssen, man hat denn eben so wenig ein Recht wie den Muth Sie mehr genießen zu wollen als so Ihre Wohlthätigkeit abwirft. Daß Sie trotz Ihres Rheumatismus noch so viel spielen können, ist ein wahres Glück aber herzlich bedauert haben wir dies Leiden an Ihnen zumal da Sie nicht hinter dem Ofen bleiben können. Es ist recht daß Sie Ihren Sommer mit der Abhilfe dieses Uebels früh beginnen wollen, schon damit wir Aussicht haben können Ihnen irgend wo zu begegnen; sehen müssen wir Sie will’s Gott, u wo? wird sich finden. Wann gedenken Sie denn von England zurückzukehren? doch zunächst nach Baden, u dann vielleicht zu gewissen glücklichen Aussichten über Gastein nach Italien zu Ihrer lieben Frau Tochter; wir haben uns der guten Nachrichten sehr gefreut. Wenn es Ihre Zeit, u Hand, u Anhänglichkeit an uns gestattet, lassen Sie uns bald einmal einige Nachrichten über Ihr Sein u Nichtsein zukommen, so wenig wir es scheinbar verdienen, so bedürftig sind wir zu wissen wo u was Sie leben. Ihr lieber calligraphischer Secretair schenkt mir gewiß gern ein Stündchen (es gäbe denn hiniden [sic] keine Gegenliebe mehr) u Sie beweisen uns höchstens auf 4 Seiten nur daß Sie gesund u glücklich u uns liebbehalten wollen. Gottbefohlen denn, einzig vielgeliebte Seele!
Ihre getreue Sarah Lazarus

Ihrer lieben theuren Marie herzliche Grüße. Steinthals u Ernestinchen grüßen herzlich.


Liebe Freundin!
Ich finde, es schreibt sich auch auf dem Knie ganz leidlich, wenn man so gern und so viel mehr mit dem Herzen als mit der Hand schreibt wie ich an Sie. Nach dem viel citirten Spruch des römischen Dichters soll den Leidenden ein Trost sein, Leidensgenossen zu haben; ich für meine Person muss sagen: ich danke für einen solchen Trost; am allerwenigsten möchte ich ihn von Ihnen, theure Freundin! haben, die Sie mit dem gesunden Arm ganz anderen schmerzstillenden nicht blos, sondern seelenerhebenden Trost spenden können. Ich hoffe aber, dass Ihr Arm gar keines Trostes mehr bedarf u in voller Freiheit sein Priesteramt im Dienste beseligender Harmonien vollführt. – Ich und wir Alle finden, der Winter ist so lang; dass Sie hier gewesen, wir Sie gesehen und gehört, scheint nun unvordenkliche Zeit, dass man gar nicht zurück sondern nur vorwärts rechnen u hoffen mag: wann und wo mit allem Guten, das der sprießende, schaffende Sommer bringt, wir Sie treffen mögen. Nun will ich Ihnen auch, da meine Frau einmal von dem Vortrag im Palais des Kronprinzen gesprochen, erzählen, wie ich zu dem Thema: über ästhetisches Gesetz und ästhetisches Gefühl, das am meisten einleuchtende u doch am tiefsten verborgene Wesen der Musik als leitendes Beispiel erzählt hatte. Ich freue mich denn immer noch besonders, wenn ich bei der Beobachtung der Vorgänge in meiner Seele, um das Wesen u Wirken der Musik zu analysiren, wahrnehme, wie mir als Beispiel aus der Erinnerung grade Sie, theure Frau, mit Ihrem Spiel mir vorschweben, und jene räthselhaften Lösungen des Künstlers mir zeigen, die zu ungelösten (aber hoffentlich nicht unlösbaren) Räthseln des psychologischen Forschens werden. – Wir müssen wirklich einmal darüber reden; gewünscht habe ich es immer schon, aber ich scheue mit der rauhen Hand des untersuchenden Beobachters in die zarten Gewebe der künstlerischen Schöpfung hineinzugreifen. Wir wollen sehen. Inzwischen aber leben u spielen Sie beglückend u glücklich.
Mit den besten Grüßen für Sie Selbst und das liebe Fräulein Marie Ihr innig ergebener
Freund Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 189-194
 



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