15.07.2019

Briefe



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ID: 18955 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 09.01.1872
 

Berlin d Januar 72
Verehrte geliebte Freundin!
Ich habe mit meinem Schreiben auf die Rückkehr meines Mannes ge¬wartet damit wir Ihnen vereint zum neuen Jahre aussprechen können was wir zur Zeit zurückhalten mußten da wir nicht wußten wo Sie weilen, wo Sie es antreten. Möge es Ihnen volle Gesundheit bringen! Dieser Wunsch stehet in erster Linie, u faßt bei Ihnen alle übrigen, möchte ich sagen, in sich. So wolle Gott Ihnen Alles erhalten, was Sie Theures besitzen, womit Er Sie geseegnet u bevorzugt hat, u gebe dazu: volle Befriedigtheit! Volle Befriedigtheit so weit es Ihr Lebensschicksal gestattet –, aber dennoch ha¬ben Sie vielen Anlaß dazu, ein von Gottes Gnaden begabter u beschenkter Mensch zu sein, können wir immer einen glücklichen nennen wenn auch in all den Mühen sich zu behaupten, es schwer sein mag; das selbst aber trägt ja zu dem Werthe bei.
Daß Sie wieder auf so schnöde Weise zu Rheumatismus gekommen hat mich wahrhaft geschmerzt, u so bin ich doppelt froh Sie wieder con¬zertirend zu wissen. Freilich thut mir das Herz wehe blicke ich heut’ hin¬aus in das naßkalte Schneegestöber u denke Sie dann hier oder da in Ihrer rastlosen Thätigkeit ausgesetzt; alle guten Engel mögen Sie schützen, u Sie sicher weiter führen! Neulich machten |2| neulich machten H u Frau v. Puttlitz Besuch bei uns, es kam auf Musik, auf gute die Rede also auf Sie einzige Frau. Wie ergossen wir uns da in übereinstimmenden Äu¬ßerungen, mein lieber Philosoph als Fahnenführer immer voran so belebt u belebend wie der Stoff es uns eben gewährte, u endlich machten wir alle Vier – Ihnen hinter dem Rücken die Liebeserklärung. Ja ja so steht’s um uns, ob wir alle vier auf Gegenliebe rechnen dürfen? Gestern Abend hörte ich ein Ullman-Concert. Ich gehe freilich immer schon mit einem gewissen Vorurtheil in’s Concert wenn nicht Frau Schumann u H Joachim spielen, aber immerhin doch mit Musikliebe; aber wie anders ward mir zu Muth als in Ihrem letzten Concert Syvori u die Monbelli ausgenommen – nicht der Erkältung werth. Die Clavierspielerin (Pauline Fichtner) spielt außerordentlich fertig, aber leider nur mit den Händen; ich habe mir vorgenommen keine Clavierspielerin mehr zu hören, wenn ich Sie nicht hören kann; ich benehme mich in aller Ruhe ganz unausstehlich da¬bei; stecke meine Nachbarschaft an, u vernehme ich eine entgegengesetzte Ansicht, so kriegt der Betreffende einen Blick von mir, daß er nicht weiß was er aus mir machen soll, oder was er wohl im Leben verbrochen hat. Nicht wahr solche Verliebte müssen zu Hause bleiben.
Neulich hatte ich die Freude Ihre beiden lieben Söhne Ferdinand u Felix bei uns zu haben; ich war von dem Anblick des Kleinen der in¬zwischen ein Großer |3| Großer geworden ganz überrascht, ja gerührt. Natürlich hat er davon nichts gemerkt, sonst glaube ich verscherze ich mir seine Kundschaft für immer –; aber es ist ein prachtvoller Mensch geworden, still u gesprächig zugleich so klug aus den Augen blickend, u mit dem Zauber seiner Zeit, dass ich herzliche Freude an ihm hatte. Ferdinand ein ganzer Kaufmann, der mit seiner Stellung so glücklich ist, daß man fast Unrecht thut daran zu rütteln. Er verläßt jetzt nie später als 7 Uhr das Comptoir, u hat Privatstunden u Arbeiten für dieselben, also ganz nach Wunsch. So werden hoffentlich mit der Zeit noch andere erfüllt werden, man muß nur leben, dann erlebt man Vieles. Mein Mann war wieder 14 Tage in Leipzig, für mich eine stille, wenigstens nicht so innerlich belebte Zeit; ich schlage alle Einladungen dieses Winters we¬nigstens noch dieses Monats aus, um einigermaßen gesund zu bleiben; die meisten werfen nicht viel mehr ab als Eintrag der Gesundheit, selten mehr, auch die glänzendsten nicht, wenn man auch die Geselligkeit in ihnen fände. Nicht ganz so kann, u darf sich mein Mann ihnen entziehen, aber für ihn ist es auch bequemer u von größerem Interesse. Der Philo¬soph darf sich dem Leben nicht verschließen, sobald er es kennen u ihm richtig dienen soll. Wäre es nur erst Sommer, u Sie säßen wieder daheim auf Ihrem Platze in Ihrem kleinen Paradiese! u ich neben Ihnen, oder auch anderswo, wo es schön u grün ist; der Winter ist mein Feind obwohl ich ihn liebe, und um so mehr bedaure ich daß ich mich so wenig mit ihm verständigen kann. Grüßen Sie Ihre Perle Marie herzlich von mir, u Ihre anderen lieben Kinder, ich wünsche Allen das beste Glück u was sonst an Privatwünschchen vorhanden möge sich glücklich erfüllen. Ihr Tischchen ist auf Anrathen des Geschäfts in welchem ich es erstanden nicht vor Neujahr abgesendet worden, da ich ihm gesagt es habe keine Eile; doch jetzt wird es wohl seine Wanderung schon angetreten haben; wolle es Ihnen lieb werden, u es Ihnen lange Jahre Stand halten! –
So leben Sie theure geliebte Freundin von Herzen wohl, u geben uns ab u zu eine Nachricht wo Sie u wie Sie sich befinden. Gott erhalte Sie! u uns die Fortdauer Ihrer Liebe! Ihre Sarah Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Düsseldorf
  SBE: II.18, S. 224-227
 



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