15.07.2019

Briefe



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ID: 18957 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 19.05.1872
 

Sontag [sic] d 19ten Mai 72.
Verehrte geliebte Freundin!
Ich wähle einen stillen Pfingstmorgen dazu Ihnen meine Herzensgrüße zu senden, Ihnen zu danken für Ihren lieben Brief den ich sehnlich erwartete. Fiel er auch nicht ganz befriedigend aus da Sie mit Ihrer theuren Gesundheit zu kämpfen haben, so weiß ich aber daß dies ein vorübergehender Zustand ist – u durchaus nicht Besorgniß erregend, wenn auch plagend u verstimmend. Es giebt dafür nur ein goldenes Gegenmittel. Heiterkeit! damit verscheucht man den bösen Feind am ehesten, u wer so vielen Grund zur Heiterkeit hat wie Sie herzgeliebte Frau wer wollte da nicht lachen. Ein Wesen das von der ganzen Welt geliebt u geachtet wird wie Sie, eine Mutter herrlicher Kinder die von Ihnen angebetet auf Händen getragen wird, Freunde die für Sie durch’s Feuer gehen (besonders eine Freundin die an Pfingsten sich lieber einer beabsichtigten Landparthie entzieht die früh begonnen werden sollte von einem ganzen Rudel angenehmer Bekannter) u sich still der geliebten Freundin geistig gegenüber setzt um ihr zu sagen was sie längst weiß: daß sie ihr unendlich anhängt; ein liebes Häuschen in der Lichtenthaler Allee besitzt, das die Götter ihr neideten, wäre sie nicht ein Liebling der Götter –, u dieses bevorzugte Wesen sollte die Flügel hängen lassen wenn es körperlich geärgert wird? Schwingen Sie sich auf, überblicken Sie Ihre Glücksgüter, u Sie müssen herzensfroh werden, deß bin ich gewiß, u so halten Sie am besten Alles Unliebsame fern, oder viel erträglicher. Gern wäre ich in Ihrer Nähe, vielleicht erfüllt dieser Sommer in ein oder anderer Weise diesen Wunsch. Was nun der Arzt über mich verhängt der über meine häufigen Katarrhe nachzusinnen anfängt, will er mir nächstens mittheilen, jedenfalls führt mein Weg über Baden (das hängt wie mein Mann sagt, mit meiner „Sommer-Geographie“ zusammen[)]; da wollen wir verabreden wie, u wo, wir etwas länger zusammenleben können. Denn ich glaube nicht daß Sie vor Anfang Juli Ihre Reise auf Scheideck antreten, es ist da oben länger kalt, das Sie ja auch zu scheuen haben, u wir werden schon Ausgangs Juni unsere Wanderschaft antreten. Daß Ihr lieber Sohn Felix sich in seinem neuen Leben so wohl fühlt freut mich herzlich, ich hoffe Sie werden viele Freuden an ihm erleben, es ist ein lieber eigenartiger Mensch u so viel ich weiß talentvoll. Daß er sich so bald in die Selbständigkeit gefunden, wundert mich gar nicht sehr, an das Glück gewöhnen sich die Menschen bald genug, u so müssen wir die Selbständigkeit doch nennen, mich wundert mehr daß er sich so lange lammfromm hat führen lassen freilich zu seinem Guten das er sicher in seinem jetzigen Leben schon herausfühlen wird. Ein studirter Mann sein, der einst in seinem Berufe mit Gottes Hilfe Etwas leisten wird u dazu musikalisch im besseren Sinne, wird es gewiß nie bereuen. Daß er sich ohne Abschied bei uns, von Berlin entfernt, habe ich zwar bedauert aber eben so herzlich entschuldigt. Bei seiner Schüchternheit die ich ja an ihm kenne (ja liebe) ist es sehr verständlich daß er sich solchen Menschen entzieht die er ohnehin so selten gesehen; u so schnell als möglich der neuen Zukunft entgegensteuert. Das ist jugendlich – u natürlich zugleich, dieserhalb hält er sich doch von dem Interesse überzeugt das wir nicht bloß an dem Kinde Schumanns, sondern wie er eben eines ist, nehmen.
Montag früh. Ich habe gestern nicht weiter schreiben können, ich bildete mir ein die Leute würden aus Pfingstbeflissenheit zu Besuchen keine Zeit haben, aber wie wenig kennt man die Menschen, wie sehr unterschätzt man ihre Anhänglichkeit – schon lange hatte ich nicht an einem Vormittage so viele Menschen bei uns zusammen gesehen. Einige junge auswärtige Gelehrte die wir zu Tische geladen, hungerten mit uns um die Wette über die festgesetzte Stunde heraus, u mußten von deutscher Gastfreundschaft einen sehr hungrigen Begriff empfangen haben. Endlich kam die Suppe die gut war, u wie ich hoffe Alles wieder gut gemacht. Nach Tisch pfingstfeierten wir auch ein wenig doch mehr unserer Gäste wegen, fuhren nach Charlottenburg u seinem Mausoleum, u genossen immerhin noch Staub genug vor dem grausam eingetretenen Donner u Blitz u wie die Berliner sagen „jräßlichen Wolkenbruch“. Viele mühsam erworbene Leiblis [?] und Tünigen jammerten vergebens, zu wenig Fahrzeuge für so vielen Jammer, zu wenig Mitgefühl für so große Opfer, genug auch wir opferten selbst ein Wagon, u ich bin heut recht froh über den unzweideutigen Regentag, wo man mit gutem Gewissen zu Hause, u den Staatsstreichen fern bleiben darf. – Ich freue mich herzlich auf ein Wiedersehen mit Ihnen, u vielleicht gar auf ein längeres Beisammensein; sobald mein Arzt „Traube“ seine Bestimmung über mich getroffen oder sein Urtheil über mich verhängt, theile ich es Ihnen liebe Freundin mit, bis dahin wünsche ich von Herzen daß es Ihnen wohlergehe, Sie sich in Ihrem lieben Häuschen von allen Aufregungen angenehm erholen das sicher nicht ausbleibt, u wozu der freundliche Empfang den die lieben Töchter vorbereitet gewiß wohlthuenden Einfluß übt. Gott erhalte Sie!
Mit vielen herzlichen Grüßen
Ihre Sie treu verehrende u liebende
Sarah Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Baden-Baden
  SBE: II.18, S. 230ff.
 



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