19.12.2019

Briefe



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ID: 18958 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 13.11.1881
 

Ich will allerdings nur einen Gruß, theure Freundin! und herzinnigen Dank für Ihren lieben Brief hinzufügen. Tags nach Empfang desselben mußte ich nach Wien zum Schriftstellertage; von dort heimgekehrt auf einige Tage nach Berlin um in den Bibliotheken Vorrath u Vorarbeit für die hiesigen Winteraufgaben zu beschaffen u dann ging es an die große Reise hierher. Manchmal schon habe ich meine nächsten Freunde – und trotz aller leiblichen u zeitlichen Trennung rechne ich von meiner Seite Sie zu diesen – bitten müssen, dass sie, was ich mit Druckerschwärze biete als mit Dinte [sic] an sie geschrieben zu betrachten die Gnade haben möchten. Nächstens werden Sie den dritten Band Leben d. Seele erhalten, dessen zweite Abhandlung über „Vermischung der Künste“ das Capitel über Musik ausführlich behandelt; wollen Sie einen günstigen Blick hineinwerfen, dann werden Sie sofort auch in Ihrem Gemüth erkennen, wie oft und wie sehr herzlich ich Ihrer während der Fassung dieser Gedanken gedacht habe. Wahrlich nicht blos weil Sie den Namen Schumann oft genug darin finden, der zu den seltenen musikalischen Genies gehört, die auch in philosophischer Denkart ihre Kunst erfassen; sondern u vor Allem, weil zu den besten Musikstunden die meine Seele erfüllt u ergriffen haben, diejenigen gehören, die ich dem Genius der Kunst verdanke, der in Ihrem Spiele waltet. Zu dem Liebsten was ich mir vorstellen kann, würde ich zählen, wenn ich Ihnen daraus vorlesen u Sie fragen könnte, ob Sie meinem Suchen u Ringen nach Klarheit über das, was uns unbewußt erhebt u hinreißt Ihre Zustimmung geben. Sollte für Sie ein Winteraufenthalt im Süden in der Möglichkeit liegen, dann könnte ich Ihnen hier freilich die schönste Wirklichkeit derselben versprechen. Ob Sie nun diese hochgünstige oder eine andere erfreuliche Antwort uns geben wollen: ich drücke meine Bitte darum durch das beiliegende Blättchen mit unserer hiesigen Adresse aus.
Herzliche Grüße Ihren lieben Kindern u Ihnen Gruß u Handschlag von Ihrem treuen Freunde
Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
282ff.
 



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