15.07.2019

Briefe



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ID: 18959 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 13.11.1881
 

Nizza d 13t Novbr 81
Sehr geliebte verehrte Freundin!
Aus dem obigen Datum werden Sie schließen können wodurch wir erst heut’ Ihr liebes uns sehr beglückendes Schreiben beantworten. Es traf mich in sehr leidendem Zustande, meine Umgebung besonders meinen Mann in sehr gedrückter Stimmung vor, denn ich war seitdem wir uns zuletzt in Frankfurt gesehen, keinen Tag mehr gesund, meine Zustände hatten sich derartig gesteigert daß ich selbst im Sommer nicht aus den Kissen u Decken herausgekommen, bei so argem Luftmangel daß ich oft Nachts nicht im Bette bleiben konnte, u unaussprechlich litt. Da werden Sie liebe Freundin das Schweigen begreifen. Endlich aber beschloß mein Berliner u Leipziger Arzt (Wagner der Cliniker) ich müßte fort, müßte wieder nach Nizza das mir schon einmal so besonders gut gethan. Der Entschluss hierzu war doppelt schwer, da mein Mann Urlaub erbitten mußte, u in so vielen Aemtern humanitärer Art steckt, aus denen sich für einen ganzen Winter heraus zu ziehen, empfindlich empfunden ward. Und nun gar ich, an eine so große Reise in dem kalten Herbste unternehmen, die ich nicht aus der warmen Sophaecke seit Monaten gekommen; aber es half nichts, ich mußte, die Ärzte bestanden darauf sagten ihre Mittel seien erschöpft, dies wäre das einzige beste. So schickte der Himmel einen sonnigen Tag der mich reisemuthiger stimmte u nun ward so schleunig die Abreise unternommen, daß mir es heute noch erstaunlich ist, wie ich so weit gekommen. Allein die Reise war mir günstig war es die lang entbehrte frische Luft oder die passive Bewegung oder beides, genug ich war munterer als zu Hause, hustete freilich viel, u war sehr angestrengt, eben aber litt weniger an Asthma, ein Leiden das alle Lebensfreuden unterdrückt. Mein liebevoller gütiger Lazarus hatte natürlich Alles gethan um mir die Reise zu erleichtern, kurze Reisetage, warmes Quartier das immer voraus bestellt gewesen, freundliche helfende Umgebung, Ernestinchen u Steinthals die uns diesmal begleiten, Alles trug dazu bei mir die Reise so angenehm wie unter den gegebenen Verhältnissen möglich zu machen. Endlich kamen wir aus der Kälte Schnee u Regen, in das gelobte Land. Welche Sonne empfing uns! nur dem warmen Juli bei uns vergleichbar, u die Vegetation aus Orangen Lorbeer Oliven etc bestehend „wer kennt ihre Namen?“ ist so unsäglich schön, so bezaubernd daß man sich in eine Märchenwelt versetzt fühlt, denkt man an die nordische Kälte, an den nordischen Himmel zurück. Was uns Alle nun so besonders glücklich stimmt, ist neben aller Schönheit des Aufenthaltes die plötzliche günstige Wendung meines Befindens. Seitdem ich hier bin hat mich das Asthma ganz verlassen, noch fürchte ich mich fast es auszusprechen, allein ich bin so glücklich darüber, daß ich es nicht zurückhalten kann. Unser Leben ist dadurch wieder ein anderes geworden, es giebt wieder heitere Gesichter heitere u gute Gespräche, es dreht sich die Unterhaltung nicht bloß um die leidige arme Hausfrau. Aber auch sonst haben wir uns gut eingerichtet, sind in ein Privat Logis gezogen das mit Allem versehen was zum Haushalte gehört, eine Sitte die hier üblich ist, u von uns aus Erfahrung aufgesucht. Das Hôtel Leben ist dagegen unangenehm zu nennen für vieles schweres Geld, u unnatürliche Kost, die für Unsereinen für die Länge nicht auszuhalten ist. Wir haben meine Köchin, Steinthals ihr Hausmädchen mitgenommen, so daß Alles gut bestritten ist; Ernestinchen kauft ein, Irene die sich allerliebst entwickelt ist unser Aller Spielzeug u Belustigung, u so haben wir wohl alle Ursach dem lieben Gott für so viele Gnade zu danken. Hätten wir nur noch einmal die Freude Sie geliebte Freundin mit den geliebten Kindern bei uns eintreten zu sehen, Sie hier u dorthin zu führen, u uns an Ihrer Bewunderung zu laben, so würde ich meinen es gäbe nichts Schöneres hienieden. – Bis hier her habe ich von mir gesprochen, ich mußte, um Sie nicht an uns irre werden zu lassen ob unseres scheinbar undankbaren Schweigens. Allein so wenig auch von uns zu Ihnen dringt, so lebendig ist die Erinnerung für Sie in unserem Herzen geblieben so warm u voll folgen wir Ihren Interessen Ihren Erlebnissen, u haben einen Theil davon als wären Sie uns nicht nur wahlverwandt. Daher hat uns Ihr Brief auch so beglückt, daß es Ihnen leidlich wohlergeht, u Sie an Kind u Kindeskindern so viele Freude gehabt. Es hat mich gerührt, daß Sie Juliens Sohn (der Unvergeßlichen) besucht u Ihre Elise die weite Reise zu Ihnen gemacht. Ihrem zärtlichen Mutterherzen wird das wohlgethan haben daß neben der Liebe deren Sie ja von allen Kindern im hohen Maaße überzeugt sein können, auch die Verhältnisse es gestatten. So denke ich mir Ihr schönes Zusammenleben mit den beiden herrlichen Töchtern in Ihrem schönen wohlgeordneten Hause glückseelig; u selbst wenn mal ein schmerzlicher Eingriff kommt wovor im Leben Niemand verschont bleibt, so theilen Sie es mit den verständigen treuen Töchtern die mittragen u mithelfen was da kommt. Daß der arme Ferdinand u dadurch Sie mit, so sehr gelitten, hat mich geschmerzt, es ist ein so guter unschuldiger Mensch vielleicht zu unschuldig den heutigen Anforderungen gegenüber. Was mich aber wie eine rechte Sorge sehr bedrückte, ist endlich Gottlob von Ihnen genommen, u ich empfinde es in dankbarer Theilnahme mit. Das ist die Genesung Ihrer herrlichen Marie. Ich habe es von Leuten gehört welche gleichzeitig mit Ihnen in Gastein gewesen, Leute die Sie gewiß gar nicht kennen, Todescos aus Wien, u Oppenheimers aus Leipzig. Aber diese erzählten mir daß das Fußleiden des Frl Schumann gehoben u mit wirklicher Freude. – Sie können geliebte Freundin daraus ermessen, welchen Antheil das gesamte Publicum für Sie hat, wie Alles voll Verehrung Ihnen anhangt. Wenn ich Sie nur einmal wieder gründlich sehen u sprechen könnte! das Wiedersehen in Frankfurth hat mir nicht genügt –, u wo u wann wird es besser sein wenn Sie nicht hier her kommen oder wenigstens nach Schönefeld kommen wollen, wo es jetzt sehr nett bei uns ist. Vor Allem beglücken Sie uns bald hierher mit guten Nachrichten, u überlegen Sie es ob es nicht Recht wäre sich zu entschließen auch einmal an sich selbst zu denken u dem Norden Ihre Rückseite zu zeigen, sie ist immer noch schön genug da Sie wieder zu kommen versprechen, – aber was würde dieser Aufenthalt Ihren Rheumatismus schmeichelnd besiegen, Frl. Eugenie wohlthun, u Frl. Marie zu bewundern Gelegenheit finden.
Ich würde gern noch weiter plaudern, allein mein lieber Philosoph schielt schon ganz ernsthaft herüber, ob er noch nicht herangelassen wird, so muß ich wohl scheiden u Ihnen Theuerste tausend gute Wünsche u Lebewohl sagen! Gottbefohlen
Ihre Sie treu liebende verehrende Sarah Sarah Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 279-282
 



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