15.07.2019

Briefe



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ID: 18961 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 09.10.1880
 

Vevey d 9t Octobr. 80
Herzlich verehrte u geliebte Freundin!
Auf Umwegen endlich ist uns Ihr lieber Brief zu Theil geworden; aber wüßten Sie wie sehr er uns erfreut, so wüßten Sie auch wie unvergessen Sie bei uns fortleben, u wie oft wir Ihrer mit jener Liebe gedenken die selbst ungepflegt unvergänglich ist. Daß wir Sie trotzdem noch nicht in der neuen Heimat aufgesucht, beklagen wir als etwas zu unserem Schicksal gehörendes; mein Mann von hunderterlei wissenschaftlichen u humanen Dingen gefesselt, daß er nie wie Andere seiner Collegen, die Ferien zur Erholung u Freisein genießen kann, ich durch anhaltendes Kränkeln peinigender Art, niedergehalten sind wir Beide – im Herzen gesund u unternehmend geblieben, aber abhängiger als je von eben den Zuständen, die ich Schicksal nenne. Denn denken Sie liebe Freundin wir flogen durch Frankfurt Anfang des Monats, ohne Sie gesehen zu haben! Das will viel sagen nachdem wir uns Jahre lang nach einem Wiedersehen gesehnt, u Ihnen u Ihren geliebten Kindern nun so nahe waren. Allein ich wurde krank auf die Reise nach Vevey geschickt um hier den nordischen Herbst zu überstehen u eine Traubencur zu brauchen gegen Husten u asthmatischen Beschwerden, die sich leider recht ausgebildet haben, u mir das Leben schwer machen. Ich konte [sic] nicht früher, da ich leidend gewesen u noch war, reisen, u hätte auch noch keine reifen Trauben gefunden; sollte 2 Monate wenigstens hier zubringen u es werden keine 3 Wochen werden da wir schon am 24t d M. in Berlin sein müssen, u ich hier nicht allein zurückbleiben möchte, weßhalb ich keinen Tag versäumen mochte, u mir lieber den einen Tag den wir uns für Sie geliebte Freundin schenken müssen, für die Rückreise reserviren, wo ich dann hoffentlich wohler, u wieder genießbarer sein werde. Ohne Sie wieder gesehen zu haben, u von allem Guten überzeugt das mein Herz für Sie u die Ihrigen stets erflehet, möchte ich nicht heimkehren, es würde mich tief verstimmen, u da wünsche ich nur daß wir Sie Alle anwesend u gesund finden. Bis jetzt habe ich nur von uns geredet wenn auch Alles nur andeutungsweise, aber ich mußte Ihnen doch einen Einblick in die vorhandenen Verhältnisse verschaffen, um von Ihnen nicht mißdeutet zu werden, was uns sehr schmerzlich wäre; aber nach Ihrem Ergehen u Leben hoffe ich mündlich die Bestätigung zu vernehmen die die öffentlichen Nachrichten über Sie geliebte Seele, u Ihre Wirksamkeit in Frankfurt mittheilen. Natürlich erhaschen wir jede Gelegenheit von Ihnen zu hören, von Ihnen zu sprechen, aber Alles ist ungenügend wenn man es nicht aus der Quelle selber schöpfen kann. Eine Nachricht aber hatte mich sehr betrübt, die vielleicht übertrieben gewesen, oder nun glücklich vorüber: daß Ihre liebe Frl. Marie leidend gewesen, u längere Zeit erkrankt. Ich kann mir Ihr Herzeleid dabei denken dieses gute herrliche Kind, die Stütze des Hauses krank zu sehen, nachdem sie stets gesund u aufrecht gewesen. Gebe Gott daß Alles wieder glücklich ausgeglichen, u Ihr bewegtes Leben nach Innen u Außen – sich sanft, geklärt, u in vollster Befriedigung wie Sie theure seltene edle Frau es verdienen dahinfließe!
Steinthals die mit uns sind, u die kleine Irene grüßen herzlich, es gehet ihnen wohl! Auch Ernestinchen sendet ihre treuen Gruße [sic]. Ich aber umarme Sie in alter treuer herzlicher Liebe u Verehrung, u bin nach herzlichen Grüßen an die geliebten Kinder Ihre
Sarah Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Vevey
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 275ff.
 



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