15.07.2019

Briefe



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ID: 18962 Brieftext


Geschrieben am: Montag 12.09.1887
 

Alt Schönefeld d 12t Septbr 87
Herzlich geliebte hochverehrte Freundin
Wo Sie gegenwärtig auch sein mögen, u dieses Blatt Sie auffindet, wird es Ihnen theure Frau die Ueberzeugung geben daß trotz Entfernung u Schweigens Sie niemals aus unserer liebevollsten Erinnerung mehr weichen können, u wir die Entfernung von Ihnen u Ihren geliebten Kindern schmerzhaft empfinden. So will ich denn uns zu Ihrem Geburtstage so scherzhaft es klingt, ein näheres Beieinander wünschen, schon um Ihnen lebhafter beweisen zu können, wie glücklich es uns machen würde Sie glücklich zu sehen u ein Etwas dazu beizutragen. Vor Allem aber wünsche ich Ihnen volle Gesundheit, volles Schalten u Walten über Ihre Kräfte damit Sie ungehindert unbeschädigt Ihren edlen Zielen nachstreben, Ihrem wohlwollenden Herzen genügen können! Es hatte mich recht glücklich gemacht im vorigen Jahre als wir Sie für wenige Stunden auch nur, wiedersehen u genießen durften, von Ihrer Einrichtung des Unterrichts, u Ihres rührenden Wohlwollens gegen Ihre Schüler zu vernehmen; Gott lohne es Ihrem gütigen Herzen; die eigene Genugthuung schon wird es Ihnen lohnen, denn Andren das Leben erleichtern kann der am besten fühlen dem das Schicksal es schwer gemacht – u doch ist es ein herrliches beneidenswerthes siegreiches geworden, von vielen seltenen Momenten ausgezeichnet, ein Liebling des Volkes zugleich bei Freund u Feind. – Giebt es nicht bald wieder eine goldene Hochzeit in Leipzig oder Berlin die Sie verpflichtet ihr beizuwohnen? Oder hat Berlin in Ihrem Beruf gar keine Anziehungskraft mehr, um es wieder einmal glücklich zu berauschen? Wenn mein Mann mich im Winter auffordert dies oder jenes Concert zu besuchen, um mich aus der Krankenstube heraus u angenehm zu beleben, dann sage ich: wenn Frau Schumann kommt, für die erkälte ich mich schon gern einmal. Vielleicht trifft es sich auch in guten Tagen wo ich auch Erkältung nicht mal zu fürchten habe, aber leidend bin ich viel, u Luftmangel ist ein schwer zu tragendes Leiden man kann eher Schmerzen ertragen als diesen Kampf ums Dasein –. Wo haben Sie geliebte Freundin in diesem Sommer Erholung gesucht u gefunden? Wieder auf einer Höhe? an derartige Freuden darf ich gar nicht mehr denken. u doch giebt’s nicht leicht größere Erquikkung, aber die Luft wäre für mich zu dünn, sagen die Aerzte, die Alles wissen nur nicht die Uebel tilgen die hinderlich u peinlich sind. Ich bin wüthend auf diese wissenschaftliche Gesellschaft, wie mein seeliger Vater auch schon, der verbarg es auch seinem Arzte gar nicht verhielt sich bei allen Anordnungen u Gesprächen sehr sceptisch so daß dieser einmal zu ihm sagte u doch rufen Sie mich sobald Sie krank sind, ja erwiederte der Vater: „man kann ohne Arzt nicht sterben.[“] Der Arzt lachte weil er seinem Witze Alles erlaubt. Lebte unser Freund Traube noch, so würde ich mir selbst diese Anecdote zu erzählen, nicht erlauben, aber ist leider todt u wird lange todt bleiben, ehe Einer wie Er aufersteht. Verzeihen Sie daß ich auf dieses Capitel gerathen. Sie werden daraus schließen daß ich leidend leidend bin; außerdem gewohnt bin ich Ihnen gegenüber Alles mitzutheilen was mein Herz eben bewegt. Das ist ja die Gnade der Freundschaft rücksichtslos sein zu dürfen. Doch nun endlich muß ich von Ihnen scheiden. Möge Gott Ihnen ein frohes Fest von Ihren lieben Kindern glücklich umgeben schenken, u Ihr Leben hoch hinan hinanstufen an dem wir Alle hangen u so umarme ich Sie geliebte Freundin mit den lieben Kindern als Ihre Sie treu liebende Sarah Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Alt-Schönefeld
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 307f.
 



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