19.12.2019

Briefe



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ID: 18963 Brieftext


Geschrieben am: Montag 12.09.1887
 

Schönefeld bei Leipzig d 12ten Septbr 87
Verehrte, theure Freundin!
Wenn es denn einmal so ist, wenn die beiderseitigen Verhältnisse einen öfteren schriftlichen Gedankenaustausch unmöglich machen, dann denkt man willig daran, dass auch der Frühling und die Weinlese nur einmal im Jahre kommen und folgt der herzlich lieb gewordenen Gewohnheit, das Lebensfest geliebter Freunde zu begrüßen, mit desto größerem Eifer und Wohlgefallen. Schweigend breitet sich das Gefühl inniger Zusammengehörigkeit und herzlichster Theilnahme an dem Wohlergehen unter den Freunden ja doch durch das ganze Jahr aus; aber am Tage des Lebensfestes wenigstens will es in Worten lebendigen Ausdruck gewinnen. Wie oft, wenn irgend eine der guten u häufigen Gelegenheiten die treue Erinnerung weckt, muß man die heiße Sehnsucht überwinden genaue Nachrichten zu geben und zu erbitten!
Unser Leben ist, seit wir die Freude hatten, Sie zu sehen, so ziemlich im alten Gleise dahin gelaufen; wir mußten mit dem Befinden meiner Frau im letzten Winter u diesen Sommer, wechselnd wie es war, uns durchschnittlich zufrieden geben, obgleich es leider allzuoft die durch Leiden u Hemmungen großgezogene Geduld in Anspruch nahm. Mir selbst fällt, je älter ich werde, auch desto mehr Arbeit zu; die Aufgaben drängen sich ungesucht heran, und die doppelte Rücksicht auf das, was man bisher erstrebt und auf das, was man zur Ausführung noch bewältigen möchte, stellt Forderungen auf, denen man sich nicht entziehen mag. Dass ich im Frühjahr, aus innerster Verpflichtung in eine politische Discussion eingetreten, eine heftige Bewegung gegen und für mich erfahren, wird wohl selbst an Ihr Ohr geschlagen haben, das wenigstens von politischen Dissonanzen allezeit verschont bleibt. Nicht ohne Anschluß daran habe ich im Frühling u Sommer neben den Vorlesungen an der Universität ein Buch fertig gestellt, dessen Gebiet von Allem, was Ihre Theilnahme besitzt und verdient, so fern liegt, dass ich mich wohl gehütet habe, es Ihnen zu Gesicht zu bringen. – Die Ruhe, will sagen die stille gleichmäßige Arbeit hier im grünen Ferienheim ist mir nun Ersatz für alle Art von Erholung, die man sonst in der Fremde sucht; hier genieße ich sie mit meiner Frau zusammen, deren Leiden eine solche Art von Bequemlichkeit vor Allem erfrischt, wie sie draußen nicht gefunden wird, und welche wir nur aufgeben würden, wenn man sicher wüßte, irgendwo eine Eigenart von Luft zu treffen, welche Heilung bringt. Ueber ausdauernde Thätigkeit werden auch Sie, theure Freundin, in ihrem [sic] hoffentlich baldigen Bericht über Sie Selbst u die geliebten Ihrigen zu sprechen haben; das ist der Charakter der sich geltend macht; möchten Sie aber wenigstens von Leiden frei, Ihrer Tage froh und befriedigt leben? Möchte, was noch fehlt, sich Alles zur vollen u reinen Freudigkeit bei Ihnen u zu stetiger Dauer zusammen finden, darauf drückt Ihnen zum Lebensfeste innig u kräftig Ihre liebe Hand Ihr treu ergebenster
Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Schönefeld bei Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
309ff.
 

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