19.12.2019

Briefe



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ID: 18964 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 26.11.1887
 

Berlin, Königspl. 5 d 26/11 87
Verehrte, liebe Freundin!
Wenn ich Ihnen erzähle, wie es uns ergangen ist u ergeht, werden Sie sehen, wie es geschehen konnte, dass Ihr lieber Brief vom 31t v. M. erst heute beantwortet wird. Schon Ihren gütigen Brief zum 15t September hatten wir zu beantworten uns vorgesetzt; aber Sie sagten uns, dass sie Ende des Monats nach Frankf. zurückkehren u bis dahin wollten wir es verschieben, um Ihnen zugleich unsere Heimkehr ins Winterquartier zu melden. War doch unser Herz voll der innigsten Theilnahme mit all den Beschwerden u Sorgen, mit denen damals in München das Befinden Ihres Sohnes Sie belastet hatte. Wie oft kehrte in unseren Gesprächen jener Tage unserer Erinnerung u unseren Herzen der Gedanke wieder, wie viel Schweres das Schicksal Ihnen immer wieder zumuthet, um die ganze Energie Ihres edlen Wesens herauszufordern. Zugleich erlebten wir aufs deutlichste, wie doch trotz unserer jahrelangen Trennung u seltenen Schriftverkehrs unser Gemüth mit Ihnen u den Ihrigen so auf Innigste beschäftigt ist, als ob es das Geschick unserer nächsten Blutsverwandten wäre, das wir miterleben. Von alle dem aber sollte kein Wort bis heute von uns verlauten. Denn am 26t Septbr, gerade an dem Tage auf welchen unsere Reise hieher festgesetzt u Alles dazu vorbereitet war, Nachmittags aufzubrechen, wurde meine arme Frau Morgens recht schwer krank. Ein Anfall von Unterleibsbeschwerde, deren Art u Bedeutung besser einmal mündlich berichtet wird, versetzte uns Alle auf mehrere Tage in schwere Sorge u meine Frau in hartes u gefährliches Leiden. Es ist Gottlob gut vorübergegangen; aber volle drei Wochen hat es gedauert, bevor wir an die Uebersiedlung hieher denken konnten. Auch diese ist glücklich von statten gegangen. Aber wie die Genesung hat dann die Kräftigung ungemein langsam sich vollzogen und noch heute darf meine Frau ihre sonst allezeit fertige Feder nicht führen; denn ist auch das Leiden jenes Anfalls Gottlob gänzlich gehoben, so haben doch die alten
gewohnten Beschwerden des Katarrhs und Asthma bei der vorhandenen Schwäche sich desto peinlicher wieder eingefunden, um besonders die Nächte zu stören und dadurch die Tage matt zu machen. Sonst hätte sie ja keinen Tag gezögert, die herzinnigste Freude über die frohe Aussicht auszudrücken, die herzlich verehrte Freundin in diesem Winter wieder einmal hier zu sehen, hoffentlich auch zu hören und sich etlicher traulicher Stunden mit ihr zu erquicken. Immer wieder ist ⎡mit⎤ Mitte October die Hoffnung auf recht baldige Convalescenz wiedergekehrt, immer wieder ist sie durch kleine Leiden u nächtliche Störung getäuscht; so hat sich denn unsere Antwort verzögert. Denn wie es mir in den ersten Wochen nach der Heimkehr ins Treibhaus der Sitzungen geht, wissen Sie ja, liebe Freundin! neben den Vorlesungen habe ich in den letzten acht Tagen sieben Sitzungen gehalten, meist als Vorsitzender geleitet, also vorher dafür arbeiten u Acten lesen müssen. Und doch mochte ich nun nicht mehr warten, bis meine arme Frau ihr langgewohntes Hausamt des freundschaftlichen Briefwechsels wieder antreten kann. Ich möchte Ihnen, verehrteste Freundin! wenigstens sagen wie wie es bei uns stand u steht, dass wir täglich auf volle Beßrung auch für meine Frau hoffen u deshalb mit inniger Freude die wohlthuende Aussicht auf Ihren lieben Besuch hegen. Zum Schluß von meiner Frau Ihnen Ihnen u Ihren geliebten Kindern die wärmsten Grüße von meiner Frau und von Ihrem verehrungsvoll u treuergebenen
Lazarus

Meinen Geschwistern Steinthal u ihrer Irene geht es Gottlob recht gut; sie erwidern Ihre freundlichen Grüße aufs Innigste.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
313ff.
 



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