15.07.2019

Briefe



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ID: 18968 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 12.09.1888
 

Alt Schönefeld d 12t Septbr 88
Herzlich verehrte u geliebte Freundin!
Daß fast immer ein ganzes Jahr dahin gegangen ehe meine Feder sich wiederum an Sie theure Frau wendet, ist mir selbst ein Räthsel nachdem Sie so lebhaft in unserer Erinnerung in unserem Herzen fortleben, oder auch ein Beweis für die Sicherheit gegenseitigen Interesses die der äußeren Zeichen nicht bedarf, u nur glücklicher Ereignisse wartet um sie mitzutheilen. Zu den glücklichsten zähle ich Ihren Geburtstag, Ihr schönes, werthvolles Dasein, das Gott gnädig erhalte noch viele viele Jahre gesund u beglückt! Als Schmuck der Frauen, u der Kunst, u allen Damen zur Freude die Sie lieben, einzig liebe Frau! Wo aber finden Sie heute unsere Glückwünsche? ich denke in der Heimath wo man Familienfeste am liebsten begeht, da feiert die süße Gewohnheit, u jedes Winkelchen mit, während in der Fremde einem der eigene Geburtstag fremd vorkommt. Immer wenn die Ferien u Reisezeit antritt beklage ich meine schwachen Zustände doppelt, die uns versagen ein bischen in die Welt hinauszugukken u Sie wo Sie auch sein mögen aufzusuchen; die einst gemeinschaftlich verlebten Tage mit Ihnen u Ihren lieben Kindern sind unvergessen, u möchten gern noch einmal wieder erlebt werden. Fromme Wünsche! aber man hört nicht auf welche zu hegen; so lange das menschliche Herz schlägt begehrt es –, u auch das ist weise, denn es schließt die Hoffnung mit ein –. Wie aber befinden Sie sich geliebte Freundin? sind Sie gnädig von Rheumatismus verschont, u sonst heil an Leib u Leben? Im vorigen Jahre hatten Sie das Herzeleid mit Ferdinand hat sich da wieder Alles ausgeglättet? wir hatten Nichts darüber erfahren u mochten bei Ihnen nicht anfragen. Gebe Gott daß Sie nun endlich von dergleichen Kümmernissen verschont bleiben u sich an dem glücklichen Besitze Ihrer lieben Töchter erheiternd stützen! Im vorigen Winter hatten wir Ihren lang ersehnten Besuch leider vergebens erwartet (wir heißt hier alle Berliner). Sie glauben es kaum wie trotz der vielen künstlerischen Erscheinungen Ihr lieber Name eben anstehet; man sieht daran, daß nicht bloß die Hand sondern zugleich die Seele den Zauber ausfließt, u die Herzen gefangen hält. Sie müssen bald kommen liebe Freundin u die nun renovirte Singakademie aufs Neue huldigen. Aus mir spricht der zehnfache Egoismus, aber Alles aus Liebe so erhalten Sie uns die Ihrige, u somit Gott befohlen
Ihre Sie innig verehrende
S. Lazarus

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Alt-Schönefeld
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 318f.
 



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