19.12.2019

Briefe



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ID: 18969 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 28.11.1888
 

Berlin Königsplatz 5 d 28ten Novbr 88
Theure, verehrte Freundin!
Recht von Herzen dankbar haben wir Ihren lieben Brief vom 20t N. empfangen. Ich hatte auch das Gefühl dass unsere Mitheilungen um Mitte September zu flüchtig gewesen, um der innigen freundschaftlichen Theilnahme zu genügen u deshalb war es unser Vorsatz, dass wir Ihnen von hier aus dem Winterquartier gleich schreiben wollten, sobald die Unruhe der Einkehr überwunden u unserer Geschwister Steinthal silberne Hochzeit – am 20t Octobr – glücklich gefeiert sein würde. Kaum aber war dies Alles unter mäßiger Anstrengung meiner Frau von statten gegangen, da wurde sie, gerade an dem Tage an welchem ich meine Vorlesungen auf der Universität beginnen wollte, von einem Anfall heftiger Krankheit ergriffen; es handelte sich um eine Bauchgeschichte, deren Erörterung so vielseitig peinlich; genug dass sie durch die geschickte Hand des Chirurgen und ohne Messer aus der Lebensgefahr gerettet wurde, welche indessen in Folge des hinzugekommenen starken Fiebers an 5 Tage gedauert hatte. Drei Wochen später gab es noch einmal einen kleinen Rückfall, so dass sie nun erst sich von den Folgen der Schmerzen u des angreifenden Fiebers sich zu erholen beginnt. Gottlob verläßt sie jetzt täglich auf mehrere Stunden das Bett u es sammeln sich auch allmählig mit steigendem Appetit die Kräfte.
Als eine fröhliche Hoffnung hegen wir nun die Erwartung, Sie im nächsten Monat hier zu begrüßen; darf ich auch für meine Frau noch nicht an den Concertsaal denken, so hoffe doch ich für uns beide einen jener erquickenden Abende zu genießen, wie Ihre theure liebe Meisterhand sie spendet. Möchten Sie nur, verehrte Freundin, frei von eigener Beschwerde, aber auch von Sorge mindestens um Ihre liebe Eugenie sich auf den Weg machen können. Mit wie inniger Freude u herzlichen Wünschen wir nachträglich von Ihrem Jubiläum hören, können Sie Sich denken; es wird wohl in die Zeit unserer Unruhe der Uebersiedlung oder gar der schweren Erkrankung meiner Frau gefallen sein, denn zu uns ist keine Kunde davon gedrungen. Wir empfinden die ganze Härte, dass spätere Jahre Ihres an Mühen u an Erfolgen reichen Lebens Sie noch mit ernsten Sorgen um Kinder u Kindeskinder heimsuchen. Möchten Ihnen, das ist unser heißer Wunsch, aus Freudenquellen Kräfte zufließen, dass Sie durch Ihres Lebens u Ihrer für Andere so beglückenden Leistungen froh werden, um auch Herbes ohne Schaden zu tragen. Sobald meine Frau wieder die Feder führen kann, will sie Ihnen selbst schreiben; einstweilen sendet sie Tausend herzlichste Grüße u ich schließe mich denselben auch für Ihre lieben Töchter Marie u Eugenie an. Gott erhalte u segne Sie!
In alter Treue
Ihr Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
323ff.
 

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