15.07.2019

Briefe



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ID: 18979 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 12.09.1886
 

Alt Schönefeld d 12t Sept 86
Geliebte innig verehrte Freundin!
Wer wie Sie auf das verflossene Jahr mit so viel Genugthuung blicken kann, wer überhaupt ein ganzes Leben hindurch Pflicht auf Pflicht so treu erfüllt, wie Sie geliebte einzige Frau, dem muß ein neues Jahr auch neue Freuden bringen, neue Befriedigung. Vor Allem aber verleihe es Ihnen Kraft u Gesundheit! da ohne den Besitz dieser Güter man alle übrigen Vorzüge des Lebens wenig genießt. Diese Erfahrung mache ich leider jetzt schon längere Jahre, Alles was sonst einer Hausfrau obliegt, von Anderen verrichten lassen woran man erstens nicht immer sein Genüge findet – u sich selbst so überflüssig fühlt. Mit wahrer Inbrunst vernahm ich die Eintheilung der Zeit Ihres gegenwärtigen Lebens; wie Sie so schön mit Ihren geliebten Töchtern wirken, u über das Maaß eines gewohnten Lehramts hinaus, neben dem Geiste auch das gute Herz mitwirken lassen. Oftmals hörte ich die Leute sagen: „die Kunst dieser Frau ist beneidenswerth“; da sagte ich gewöhnlich: auch die ganze Frau ist beneidenswerth; ihr Spiel ist sie, so denkt so empfindet sie, u ihr Genius führt aus, was sie denkt u fühlt. Nachdem Ihr uns beglückender Besuch leider so flüchtig vorüber war, u Sie uns davon fuhren hatte ich Ihnen Thränen der Sehnsucht, u die innigen Worte nachgebetet: möge Gott Sie uns noch lange gesund u glücklich erhalten! Es ging mir die ganze Zeit über recht schlecht, ich konnte mich zu Nichts aufraffen, konnte nicht einmal in den Garten gehen oder mich darin aufhalten, dazu kam die Abwesenheit meines Mannes, dessen tröstliche Umgebung mir sehr gefehlt, u auch der Gedanke beunruhigte mich sehr, daß der Arzt darauf bestand er müsse nach Pontresina, müsse für sich was thun. Er ist Gottlob glücklich zurückgekehrt u es hat ihm die ganze Ausspannung u die kräftige Luft da oben wohlgethan; es kommt nun nur darauf an, wie lange; denn auch die Philosophen sind nicht immer weise, überbürden sich, oder lassen sich mit Pflichten überlasten, daß es endlich unerträglich wird. Wo mögen Sie heut Ihr neues Lebensjahr feiern? Sollten Sie schon in’s Winterquartier eingerückt sein? unter welchem Himmelsstrich auch, möge es freudenfoll [sic] um Sie sein, u Ihr Gemüth empfinden, wie Viele heut des lieben Tages gedenken die Ihnen mit inniger Liebe u Treue für’s Leben angehören. Ich umarme Sie Einzige! u küsse Ihnen die liebe liebe Hand! Gottbefohlen! Ihre getreue
Sarah Lazarus

Den lieben Kindern, sie mögen mir verzeihen, daß ich sie immer noch so nenne, 1 000 herzliche Grüße. Ernestinchen grüßt

  Absender: Lazarus, Sarah (918)
  Absendeort: Alt-Schönefeld
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 301f.
 



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