19.12.2019

Briefe



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ID: 18981 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 15.10.1886
 

Leipzig Roßstr. 11 d 15ten Octobr 86
Meine verehrte liebe Freundin!
Auf beiliegendem Zettel finden Sie die Hauptpunkte des Pachtvertrages zwischen meinem Gärtner u mir. Alles Genauere hängt so wesentlich von der Größe u Beschaffenheit der Theile, die er zu genießen u derer, die er zu versorgen hat, ab, dass ich es nicht angeführt. Doch bin ich sehr gern zu Erläuterungen bereit, die Ihnen wünschenswerth scheinen. Ich wünsche u hoffe, dass sich Fräulein Eugenie wieder ganz wohl befinde, damit Sie auch an der Büste Ihre volle u ungetrübte Freude haben. Wie gern möchte ich diese aus freundschaftlichem u künstlerischem Interesse sehen! denn ich glaube, dass eine Büste von Ihnen u sogar eine ähnliche zu machen recht leicht, aber eine gute zu machen recht schwer ist; und bei allem Vertrauen zu Hildebrandt möchte ich doch lieber sehen, als glauben. Meine Frau habe ich vor etwa 3 Wochen nach Berlin gebracht, nachdem wir noch die ganze warme Zeit in Schönefeld geblieben; habe sie auch vorige Woche auf einige Tage besucht. Mit ihrem Befinden ist es immer noch sehr wechselnd gewesen; doch jetzt scheint es, nach den letzteren (täglichen) Berichten die ich erhalte, endlich entschieden besser zu gehen. Ich selbst befinde mich nach Pontresina Gottlob wohl, bin aber hier geschäftlich u durch stille Arbeit, die mir Berlin selten so vollkommen gönnt, gefesselt, und bleibe bis gegen Ende des Monats also Anfangs der Wintervorlesungen. Unsere letzte Lectüre in Schönefeld waren die „Jugendbriefe“, die wir wenigstens angefangen, um sie dann in B. an Winterabenden, die ich der Gesellschaft möglichst zu entziehen u meiner Frau zu widmen vorhabe, fortzusetzen. Welche eine besondere Freude ich als Philolog daran habe, werden Sie Sich leicht sagen; aber auch als alter u stetiger Verehrer Jean Pauls sehe ich mit Genugthuung, wie dieser zur Quelle des Hochmenschlichen in dem congenialen und durch eine andere u grade die innerlichste Kunst ebenbürtigen Schumanns geworden ist. Doch davon könnte ich nur mündlich mit Ihnen reden, wenn das Glück mich wieder einmal in Ihre Nähe führt. Grüßen Sie Ihre lieben Kinder u seien Sie Selbst aufs Innigste gegrüßt von
Ihrem
treu ergebensten
Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
305ff.
 



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