19.12.2019

Briefe



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ID: 18986 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 05.04.1894
 

Berlin, Königsplatz 5 d 5/4 94
Meine theure Freundin!
Ich kann Ihnen heute nur das Eine schreiben, das Sie werden genauer wissen wollen; und nicht einmal schreiben, nur dictiren; meine Hände zittern. Seit wir am 1. September 1892 von Schönefeld hierher zurückgekehrt waren, hat meine Frau die Wohnung nicht wieder verlassen. Sie war nicht krank, aber häufig von der Schwäche und asthmatischen Beschwerden leidend. Bei der außerordentlichen Ruhe und ausgesuchten Pflege, welche meine beiden Schwestern die Steinthal, so oft sie irgend konnte, d. h. fast täglich und Ernstinchen immer, d. h. geradezu Tag und Nacht angedeihen ließen, lebte sie ein stilles aber von allen geistigen Interessen, namentlich den Meinigen erfülltes Leben wie in den besten Zeiten. Alle ihre Sinne waren ihr, obwohl über 80, vollkommen dienstbar geblieben.
Am 23. November 93 erkrankte sie plötzlich, ohne eine erkennbare Ursache, also wahrscheinlich nur als eine Folge der Altersschwäche an einer Störung der gastrischen Funktionen. Das Fieber war dabei so hochgradig und die Mattigkeit so groß, daß der Arzt eine concurrirende Influenza vermutete. Diese Krankheit schwand nach etwa 12 bis 14 Tagen. Während derselben war sie, wie in den letzten 6 Jahren bei anderweitigen Krankheiten immer von Asthma gänzlich frei, und sie blieb Gott sei Dank auch nach der Genesung von dieser peinlichen Beschwerde befreit. Nur die Erholung der Kräfte, namentlich der Muskeln, wollte sich nicht wiederfinden. So hat sie das Bett viele Wochen gar nicht und dann nur an wechselnden Tagen auf einige, zuweilen sogar nur halbe Stunden, verlassen können. Gegen Ende Januar trat plötzlich, aber ohne jede Krankheitserscheinung ein so tiefer Verfall der Kräfte und eine solche Hemmung aller Funktionen ein, daß die Ärzte und wir Alle die Auflösung jede Stunde befürchten mußten. Aber ohne Medikation, nur durch die sorgfältigste Pflege erholte sie sich wieder soweit, dass zu Anfang Februar der vorige Zustand zurückkehrte, in welchem sie fast nur von der Schwäche zu leiden hatte. Immer und immer wieder kehrte das volle geistige und gemüthliche Mitleben mit allen Ereignissen des Tages, des Hauses und des ganzen Kreises, der sich wie ehedem um sie als Mittelpunkt bewegte zurück. Sie las die Zeitung, ohne Brille, täglich oder ließ sich vorlesen. Noch am 29. März hat sie sich, angeregt durch eine Stelle in ihrem letzten Buche in Theodor Fontane’s Kindheit, sich die Kraniche des Ibykus und das Eleusische Fest von Schiller vorlesen lassen. In der Woche vom 4. bis 10. März habe ich in Braunschweig und Hannover Vorträge gehalten und dabei allerlei Erfreuliches und Erhebendes an Gastfreundschaft erfahren; meine täglichen Berichte hat sie täglich, außer dem Bette selbst schreibend oder im Bette diktierend mit ihrer vollen Teilnahme beantwortet. Aus Hannover ging ich nach Leipzig, um dort in aller Ruhe der Abgeschiedenheit einen hier gehaltenen und stenographirten Vortrag über Jeremias weiter auszuarbeiten. Den ersten Tag aber in Leipzig benutzte ich dazu, meine täglichen flüchtigen Meldungen durch einen ausführlichen Bericht über die Reisewoche zu ergänzen. Die Antwort darauf, die sie am 12. März diktiert und mit etlichen Worten von eigener Hand geschloßen hat, zeigt ein so tiefes Verständniß und liebevolles Eingehen auf alle meine Erlebnisse, wie es ein Mensch nur in den besten Jahren an den Tag legen kann. Dies war ihre letzte große Freude und ihre dankbare Bekundung darüber bewahre ich als ein beglückendes Dokument. Aber dieser Brief und alle folgenden der nächsten Tage enthielten so viel Worte der Sehnsucht, von mir nicht blos zu lesen, sondern auch zu hören, daß ich am 22. März aufzubrechen und heimzukehren mich bewogen fühlte. Trotz ihrer Schwäche war sie unermüdlich mehr und mehr über meine Reisetage von mir zu erfahren. Vom Sonntag den 25. ab setzte ich hier im Nebenzimmer neben ihrem Krankenbett meine Arbeit an Jeremias sehr fleißig fort, von Zeit zu Zeit darüber berichtend, auch wohl einmal eine Blattseite vorlesend. Einmal nun, es mag am 27. oder 28. gewesen sein, sagte sie mir (wie zur Belohnung, daß ich nicht in Leipzig sondern hier trotz aller einstürmenden Störungen weiter arbeitete). „Siehst du, wenn ich dich dadrin so arbeiten weiß, bin ich so glücklich, daß ich all meine Leiden und meine Schwäche nicht fühle.“
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag trat wieder ein plötzlicher Zusammenbruch der Kräfte ein; ohne Krankheit und ohne Schmerz war die Lebensthätigkeit sehr gehemmt, nur der Geist unverändert, ihre Worte klar und fehlerlos, aber so schwach, daß sie kaum hörbar waren. Dennoch erholte sie sich im Laufe des Freitags von Stunde zu Stunde, wünschte noch, daß der berühmteste hiesige Kliniker consultirt werde; dies geschah auch und sie entließ den Hoffnung erregenden Arzt mit einer liebenswürdigen Wendung des Gesprächs, wie in den besten Tagen. So hat sie vielfach am Freitag im Laufe des Tages völligste Klarheit des Urteils bekundet.
Sonnabend früh um 5 war sie noch bei Bewußtsein, obwohl ohne zu sprechen. Um 6 ist sie ohne jeden Kampf, ohne irgend ein Zeichen von Leiden sanft eingeschlafen – zum ewigen Schlaf. Gestern Vormittag ist sie auf dem Friedhof an der Schönhauser Allee in der sog. Ehrenreihe bestattet worden. Zunz und seine Frau, Traube, Geiger u. s. w. sind ihre ewigen Nachbarn. In der würdigsten Leichenfeier hat dies schön vollendete Leben seinen irdischen Abschluß gefunden.
Ich drücke Ihnen schmerzbewegt die Hand.
Ihr alter Freund Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
345-348
 



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