19.12.2019

Briefe



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ID: 18987 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 17.07.1894
 

Schönefeld bei Leipzig d 17/7 94
Meine hochverehrte Freundin!
Mit herzlichem Dank habe ich den Ausdruck Ihrer gütigen Theilnahme empfangen. Was ich von mir zu berichten habe, ist nicht viel; und ich hätte es sofort thun mögen, wenn mir nicht der Buchdrucker mit eiligen Correcturen auf dem Nacken säße und bei der Entfernung des Druckorts (Breslau) um so mehr zur Eile drängte, damit das Werkchen noch vor Vollendung meines 70t Jahres hinausgehen kann. Es ist aber nur eine kleine, mir aber aus dem Herzen kommende Schrift über „den Propheten Jeremias“. – Sie hat den größten Theil der Zeit meines Hierseins ausgefüllt. Denn mit Anfang Mai habe ich mich hierher begeben, um still u einsam nur meiner wissenschaftlichen Arbeit zu leben. Selbst von meinen Bekannten in Leipzig habe ich sehr wenige aufgesucht oder von meinem Hiersein unterrichtet; jedes Wiedersehen mit alten Bekannten regt mir den Schmerz auf u mein Haus hier erscheint mir wie eine Larve, in die man Niemand einlädt. Nur etliche jüngere Docenten der Universität sehe ich bei mir; die haben meine Frau nicht gekannt u vermissen sie also nicht; mich aber halten sie im Zusammenhang mit der fortschreitenden Wissenschaft. Meine Schwester Ernestinchen ist natürlich hier bei mir u führt die kleine Wirtschaft wie seit lange schon. Sie läßt sich Ihnen Allen aufs Herzlichste empfehlen. Auch Steinthals sind in Berlin gefesselt; Sie wissen vielleicht, dass mein Schwager im Frühjahr 93 so sehr krank war; deshalb hat er vorigen Sommer u Winter nicht gelesen; darum wollte er aber, da er Gottlob so weit gekräftigt ist, diesen Sommer wenigstens einige Vorlesungen die Woche halten. Beim Beginn der Ferien (August) gehen Steinthals, alle drei, nach Herrenalb in Würtemberg und im September kommen sie zu mir hierher, um zu bleiben so lange das Wetter es gestattet. So Gott will im Spätherbst hoffe ich Sie in Frankf. zu begrüßen; denn wenn Alles so bleibt, wie ich es jetzt vermuthen kann, dann gedenke ich den Winter allein irgend wo im Süden, Schweiz oder Italien, zu verleben, um dort eine größere Arbeit, die mich seit Jahren beschäftigt, fertig zu machen. Das wäre Alles, was ich Ihnen von hier zu berichten habe, wenn ich noch hinzufüge, dass der Garten in Folge günstigen Wetters diesmal schöner ist, als seit vielen Jahren. Ich genieße es ja dankbar; aber oft genug fühle ich, je schöner es ist, desto mehr, den Druck aufs Gemüth, dass ichs so allein genießen muß. Obgleich meine Frau Nichts mehr davon haben konnte; schon im vorigen Jahre war ihr die kleine Reise unmöglich u ich bin deshalb bei ihr geblieben u auch nicht mehr als 5 Tage hier gewesen. Möchte Ihnen u Ihren lieben Töchtern, die ich bestens grüße, der Sommer recht gut bekommen! Denken Sie zuweilen an mich so wie Ihrer oft u herzlich gedenkt Ihr
alter Freund
Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Schönefeld bei Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
349f.
 

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