19.12.2019

Briefe



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ID: 18989 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 30.12.1894
 

Freiburg i/Br. d 30/12 94
Meine theure Freundin!
Ich danke Ihnen herzlich für Ihren gütigen Zuruf. Da mir nach den Aufregungen schmerzlicher und beglückender Art, und den mancherlei Anstrengungen unmöglich war, der wechselvollen Thätigkeit in Berlin anzugehören und ich nur bei einer stillen gleichmäßigen Arbeit mich leidlich erhalten kann, so habe ich mich für diesen Winter den lehr- u ehrenamtlichen Verpflichtungen entzogen; ich war zunächst nach der Schweiz, an den Genfersee gegangen; dort aber ist Alles nur auf Müßiggang zugeschnitten u ich habe keine behagliche Arbeitsstätte gefunden, deshalb bin ich hierher gegangen. Allein; denn Ernestinchen sollte auch einmal, besonders nach den oft recht schweren Pflegezeiten der letzten Jahre, Freiheit u Muße genießen u blieb deshalb bei Steinthals, von denen Allen ich Gottlob das Beste höre. Hier kenne ich fast Niemand u habe auch wenig Verlangen nach Gesellschaft; die Umseite mag Ihnen zeigen, zu welchen Mitteln ich bei der Vielseitigkeit meiner Beziehungen greifen muß, um stille Freiheit für meine Arbeit zu wahren. Auch dieser Zeilen Kürze werden Sie, theure Freundin! gütig damit entschuldigen. Ich will nur noch sagen, dass ich auf dem Herwege nicht über Frfurt a/m gekommen; habe auf der ganzen Fahrt nach dem Süden im Herbst Vorträge gehalten (in 12 Orten 12) und von Cöln gings direct nach Mannheim; so blieb Frfurt außer meiner Reiselinie. Sie werden aber auch nicht zweifeln dass ich Sie unbedingt aufgesucht hätte, und wenn ich nur 3 Stunden dort wäre. – Von Herzen wünsche ich Ihnen alles Beste, vor Allem schmerzfreie Gesundheit zum neuen Jahre u bitte Sie, Ihre lieben Kinder mit meiner Gratulation zu grüßen. Ich freue mich, dass Sie „arbeiten können“; das ist doch der einzig wahre Trost auch für
Ihren treu ergebenen Freund Lazarus

Ich habe Ihnen s. Z. meinen „Jeremias“ auf Ihren Wunsch nach Interlaken geschickt. Sie haben ihn doch erhalten?
Freiburg i B. Göthestr. No 1.
Datum des Poststempels
Herr Prof. Lazarus, der sich für diesen Winter zu stiller ungestörter Arbeit hierher zurückgezogen hat, muß zu seinem lebhaften Bedauern für diese Zeit auf alle Correspondenz verzichten und bittet um freundwillige Entschuldigung.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Freiburg im Breisgau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
354f.
 



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