19.12.2019

Briefe



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ID: 19005 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 06.10.1865
 

Verehrte Frau!
Dienstag Abend erhielt ich einen Brief von Frl. Elise, dessen Inhalt mir so befremdend war, daß ich Ihnen sofort geschrieben hätte; ich musste aber Mittwoch früh in verschiedenen Angelegenheiten nach Frankfurt, und dachte so in mündlicher Unterredung einige Aufklärung ihrer Zeilen zu gewinnen. Sie haben meine Äußerung, Ihr Verhältniß zu Elise würde nächsten Sommer gewiß noch schöner sein, arg missverstanden; wenn Sie sich die Situation vergegenwärtigen, in der ich sie gethan, so sprechen sie mir durch Ihre Auslegung derselben jede Spur von Zartgefühl ab , denn wer einer Mutter im Momente des Abschiedes von einer Tochter vorwerfen kann, daß sie den rechten Ton zu innigem Verhältnisse nicht gefunden, daß eine Trennung nothwendig ist, die Dissonanz zu lösen, der ist ein Barbar, und wären auch seine Gründe die stichhaltigsten von der Welt. Elise hat mir gegenüber nie ein Wort geäußert, das mich zu einem derartigen Schlusse berechtigte; die Frage in ihrem Briefe: Habe ich je zu Ihnen etwas gesagt, was einer innigen Liebe zu Mama hätte Eintrag thun können? muß ich aus voller Ueberzeugung verneinen; mir selbst ist während meines Verkehrs in Ihrem Hause nie der Beweis eines gegründeten Auseinandergehens Ihrer Naturen entgegengetreten; wie käme ich also dazu, gegen Windmühlen zu kämpfen, Dinge zu behaupten, die faktisch unrichtig sind? und wenn meine angebliche Beobachtung richtig wäre, wer giebt mir das Recht, mich zwischen Sie zu drängen? Nein, verehrte Freundin, Sie sind, wenn ich offen sein darf, nicht selten geneigt, die Dinge von ihrer schwarzen Seite zu betrachten; das Vertrauen zu den Menschen, die uns nahe stehen, sollen wir wie errungenes Gut unwandelbar festhalten, es nicht von jedem Windstoß von außen erschüttern lassen. Und Sie verstehn es ja, wie Wenige, festzuhalten durch alle Zeiten und in allen Lebenslagen – Sie sind unerschütterlich gegen einen Sturm, aber empfindlich gegen einen Zugwind. Eine unbefangene Äußerung, die Sie bis zu Ihrer äußersten Consequenz durchdenken, kann Sie im Glauben an einen Menschen wankend machen, aber ich behaupte, daß dabei Ihr innerstes Wesen unbetheiligt ist und daß Ihre warme Natur von jedem derartigen Kampfe nur momentan schmerzlich berührt werden kann. – Ich wollte Sie mit meinen Worten trösten und muß jetzt tief bedauern, Ihren Abschied in der letzten Stunde noch getrübt zu haben; ich meinte, wenn Elise sich in ihrem Wirkungskreis wohl fühlt, wenn sie künstlerisch mehr Selbstvertrauen gewinnt, wird sie nächstes Jahr innerlich gehoben und gewachsen zurückkommen und Sie werden insofern mehr an ihr haben, als sie Ihnen auf ihr künstlerisches Leben besser folgen kann; ich hatte dabei vor allem Elisens Beruf und Frau Clara Schumann im Auge; eine Aenderung im Verhältnisse der Tochter zu der Mutter könnte ich nur bedauern, nicht herbeiwünschen, wohl aber glaube ich, daß es intensiver werden wird, denn jede Selbstthätigkeit, jede innere Entwicklung, jedes äußere Erlebnis, sei es in Leid oder Freud, hebt und bereichert den Menschen und wirkt belebend auf sein Verhältniß zu Andern. – Einen Ausdruck in Elisens Brief, „Mama meint, daß ich mich bei Ihnen beklagt, und daß Sie nun das Gerücht verbreiten werden, wir stünden schlecht zusammen,“ verstehe ich nicht recht. – Ich würde gerne Alles das mündlich mit Ihnen besprochen haben, aber ich habe heute und Sonntag Oper und kann nicht abkommen. Montag kommt mein Vater auf 14 Tage zu mir; ich denke Mittwoch nach Baden zu kommen; darf ich ihn mitbringen? Bitte, antworten Sie mir auf diese Zeilen, und zwar so offen, wie ich es gethan!!
Die Lieder werde ich morgen Johannes zurücksenden, und ihm schreiben. – Ludwig ist bis jetzt sehr zufrieden, nur beklagt er sich, daß er einen ganzen Tag habe pappen, einen anderen liniiren müssen. Ich habe ihn Sonntag zu Tisch und in’s Theater eingeladen; nächste Woche werde ich einmal zu Herrn Knittl gehen. Darf Ludwig rauchen? –
Leben Sie recht wohl. Grüßen Sie die Damen und Johannes.
In treuer Freundschaft
Ihr
Hermann Levi.

Carlsruhe. 6 Oct. 65.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
465ff.
 



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