05.01.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19076
Geschrieben am: Donnerstag 07.11.1878
 

Innigst verehrte Frau Doctorin,
nachdem so viele Glückwünsche und Jubelgesänge an Ihre Ohren und Herz gedrungen, gestatten Sie auch mir Ihnen die wärmste Theilnah¬me an dem freudigen Ereigniß Ihrer Jubelfeier zu bringen! Ich erhielt die Kunde davon erst spät, da ich ja nichts selbst lesen kann, und mir so Manches entgeht, was mich lebhaft interessirt. Wie sehr erregte mich die Schilderung des schönen Festes! Ich konnte |2| in Ihrer Seele fühlen wie erhebend Ihnen dasselbe sein mußte welch ein Rückblick auf eine reiche Vergangenheit, u bei allem Jubel doch welche Wehmuth bei den Erinne¬rungen der innig geliebten Verstorbenen! O, hätte ich Sie an jenem Abend spielen hören können! Und doch war es vielleicht gut, daß ich nichts da¬von wußte, denn ich kann ja nicht selbst über mich bestimmen, und es wäre unmöglich |3| gewesen, jetzt nach Leipzig zu reisen, und ich würde nun doch sehnlichst gewünscht haben, obgleich es nicht schwer ist, sich all’ das schöne Aeußerliche bei einer solchen Feier, selbst den Anblick der jubelnd Empfangenen nur denken zu müssen! Gern hätte ich Ihnen seit Ihrer Uebersiedelung nach Frankfurt schon einmal geschrieben; aber ich besorg immer, daß meine Schrift zu mühsam zu lesen ist. |4| Oft, sehr oft gedenken wir der schönen Stunden, die Sie uns bei Ihrer letzten Anwesenheit hier schenkten, sowohl in dem unvergeßlich schönen Kon¬zerte, als dem traulichen Abend bei uns! Sowohl meine Luise, als Emilie Heydenreich sprechen ebenso so gern davon als ich! Letztere hat in die¬sem Sommer ebenfalls ein schönes Fest gefeiert: es war 25 Jahre, daß ihr Mann |5| Pastor in Leubnitz ist. Die Gemeinde hat ihn sehr lieb, und so hat sich das Fest sehr schön und erfreulich gestaltet, und Emilie war sehr glücklich darüber. Wir waren einigemal bei ihr, in ihrem idyllischen Pfarr¬garten, wobei jedesmal unsrer hochverehrten Frau Doctorin auf’s Innigste gedacht wurde. In unsrer bescheidenen Häußlichkeit hat sich auch wie¬der ein [sic] |6| Veränderung zugetragen; Luisens Neffe der im Frühjahr noch bei uns war, dient in Berlin sein Jahr ab, und statt seiner ist seine Schwester, ein liebes munteres Mädchen, bei uns. Sie ist auch eifrig in der Musik, und spielt und singt bei mir. Sie ist sehr liebenswürdig und gut auch gegen mich, aber freilich hätten wir sie hier nicht allein lassen, |7| und nach Leipzig reisen können – das muß ich mir immer wieder sagen! Miss Dann, jene Amerikanerin, welche Sie so sehr gern kennen lernen wollte, ist jetzt wieder hier. Sie hat, durch einen unglücklichen Zufall, den Brief in welchem ich <ihre> Ihre gütige Erlaubniß zu einem Besuch mit theil¬te, nicht erhalten, und ist sehr betrübt darüber, hofft |8| aber später in Frankfurt Sie aufsuchen zu können. Sie spielt jetzt fleißig Orgel, und will wieder bei mir singen. Endlich habe ich Aussicht meine kleine Schrift über Gesang gedruckt zu sehen! Sobald sie sich verwirklicht, erlaube ich mir, Ihnen dieselbe zu schicken. Meine Luise empfiehlt sich angelegentlich!
In innigster Umarmung
Marie von Lindeman
Dresden d 7/11 78

  Absender: Lindeman, Marie von (2605)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1247-1249

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 3,338
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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