25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19082
Geschrieben am: Freitag 08.08.1856
 

Egern den 8ten August.
Liebe theure Clara, Wie wenig dachte ich daran, als ich dir vor wenigen Tagen schrieb, daß dein theurer Robert so nahe seiner Auflösung sei, und wie sehr hat mich diese Trauer Kunde, die ich heute durch die Zeitung vernahm erschüttert! Mit einem Male fühlte ich mich zurückgesezt in die alte Zeit, wo ich euch beiden so nahe stand, die Jahre der Trennung waren wie verschwunden, und ich lebte im Geiste noch einmal durch, die schönen Jahre, die wir zusammen verlebt. Ach meine theure Clara; ich fühle es ganz was du verloren hast; ich weiß es wie du deinen Mann geliebt; ich kenne kein Verhältniß, das schöner und edler gewesen! Du glaubtest noch immer an seine Herstellung, mußtest daran glauben, wenn deine Kraft nicht sinken sollte, und jezt auf einmal ist Alles aus für diese Welt! Liebste Freundin; ich machte dir den Vorschlag zu uns zu kommen, nicht ahnend zu welcher Zeit er dich treffen würde; ich wiederhole ihn jezt; wenn du dich losreißen kannst, so komme zu uns; die Nähe u Schönheit der Natur wird wohlthätig auf dein Gemüth, die herrliche Gebirgsluft stärkend auf deine Nerven einwirken. Wie angegriffen mußt du sein, was hast du Alles durchgemacht! Ach meine liebe, gute Clara, ich möchte dich so gerne hier haben, und dich |2| pflegen; du würdest ganz thun können, wie du willst, wir würden deinen Wunsch nach Einsamkeit respektiren u verlangst du nach Mittheilung, so würdest du herzliche wahre Theilnahme bei uns finden. Wir würden reden von der glücklichen Vergangenheit; von ihm den wir liebten u verehrten, und ich denke mir, es müßte dir dann leichter um’s Herz werden. Ich kann mir ganz denken, wie schwer es dir werden muß dich loszureißen, aber bedenke nur, daß dir nicht nur schwere Leiden, sondern auch schwere Pflichten auferlegt sind; Du mußt deinen Kindern Vater u Mutter sein; du mußt dich ihnen erhalten. – Du mußt für deine Gesundheit sorgen. Verwirf nicht gleich diesen Plan, wie du nur allzusehr geneigt sein wirst zu thun; prüfe ihn erst; aber was du auch thust; gib mir Nachricht, laß mich von dir hören, wenn es dir möglich ist. Nur nicht dieses schauerliche Stillschweigen, wobei sich die Phantasie die schwärzesten Bilder ausmalen kann. Ach daß ich nicht gleich zu dir eilen kann, dich zu holen; aber die Mutter, die kränklich ist, kann ich nicht verlaßen; Lina kann erst in einigen Wochen kommen.
|3| Meine theure Clara; trösten kann ich dich nicht; was sind Worte des Trostes, wie man sie gewöhnlich ausspricht bei einem solchen Unglück? Den Trost findet man nur bei dem, von dem der Schlag geführt wurde. Unerforschlich sind seine Wege, u die er liebt, die prüft er schwer. Wenn dich etwas trösten kann, so ist ┌es┐ das Bewußtsein, deine Pflichten unter den schwierigsten Verhältnißen stets <g>treu erfüllt zu haben, deinem Mann jede Sorge verscheucht, jedes Leid entfernt zu haben. Du hast ihn nicht nur geliebt, du hat ihn verstanden und gewürdigt; er war durch dich u du durch ihn vollkommen glücklich. Wie viele Menschen gibt es auf der Welt, die das sagen können! Ich kenne keine. Aber freilich liegt in diesem Trost wieder selbst der größte Schmerz. Laß mich schließen, liebste Clara, mit der Versicherung meiner unwandelbaren treuen Liebe für dich; die Mutter nimmt auch den größten Antheil an deinem Verlust u grüßt dich tausendmal. Schreib mir bald, theuerste Freundin, laß mich deinen Schmerz, deine Sorgen theil[en –] vielleicht wird dein Herz dann erleichtert.
Mit ewig treu[er Lie]be
Deine
Emilie
Egern, bei Tegernsee. Baiern
|4| Frau Clara Schumann, geb. Wieck
Dusseldorf
Rhein-Preuszen
frei.

  Absender: List, Emilie (962)
  Absendeort: Egern
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Düsseldorf
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 8
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie List und anderen Münchner Korrespondenten / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-019-3
315ff.

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 1,210
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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