15.07.2019

Briefe



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ID: 19246 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 11.09.1883
 

Büdesheim d. 11t Sept 83.
Meine liebste Frau Schumann,
Die innigsten, wärmsten Segenswünsche zum 13t möchte ich Ihnen heute senden, so treu und aufrichtig, wie die Liebe, die sie diktirt! Wenn es auf das Wünschen ankömmt, so ist ja jeder Tag ein Fest für Diejenigen, die wir im Herzen tragen, aber wie Meilensteine am Wege, so haben sich die Menschen gewisse Tage bezeichnet, von denen aus man den Weg des Lebens berechnet, und die Schätze, die uns geblieben. Ob es Ihnen gelingen wird, meine theuerste Frau Schumann, die Güter, die Sie an Liebe und Verehrung besitzen, ganz zu bemessen u. ergründen, das scheint fast zweifelhaft, nehmen Sie aber den Theil, den ich Ihnen heute aus vollem Herzen entgegenbringe, freundlich auf, und lassen Sie die kleine Gabe, als Verkörperung der treusten Wünsche ein Plätzchen auf Ihrem Tische finden. Ich dachte dabei an Ihren Schreibtisch, und als ich all die zierlichen kleinen Dinge durchging, die ihn schmücken dürfen, da fand ich Nichts für Blumen, und die musicirenden Engelchen baten mich den fehlenden Platz ausfüllen zu dürfen. – Sie verleben gewiß einen sehr schönen Geburtstag umgeben von Kindern und Enkelchen, denen es eine wahre Freude sein muß Sie so recht zu verwöhnen. Der September ist diesmal wieder so recht wie er sein soll, für mich der gewiß beste Monat im Jahr. –
Und nun vor Allem noch innigsten Dank für Ihre lieben Worte und für die treuen Wünsche zum Bau, die uns ganz besonders wohl gethan. Ein großer Theil unserer Freude liegt auch in Ihrer Hand, Sie liebe Verehrte, und ich hoffe, daß uns viele frohe, glückliche Stunden mit Ihnen zusammen darin geschenkt werden. Die feierliche Grundsteinlegung war sehr schön und erhebend. Guirlanden, Sprüche, Fahnen, Redner und natürlich eine von Herzen, aber entsetzlich falsch geblasene Dorfmusik und Böllerschüsse waren die Hauptzüge des Festes. Ich erzähle Ihnen Alles ausführlich, aber wie sehr Sie gefehlt haben, das mußte ich hier noch sagen. Gott gebe uns eine glückliche Schlußsteinlegung und dann müssen Sie uns im Voraus schon versprechen, dabei zu sein!
Wären nur erst die nächsten Wochen vorbei; außer den 9–10 Offizieren, die während zehn Tagen bei uns sein werden, wird meine Schwiegermutter, Vetter Mortimer und meine alte Freundin Marie Rossi mit Nichte hier sein. Auf den lieben Besuch freue ich mich sehr, aber das Unterbringen ist nicht leicht. Mein Toilettenzimmer wird sogar Schlafzimmer, ebenso unser Bügelzimmer u. wir stecken jetzt schon tief in der Bauerei.
Dann kommen Sie aber gleich zu uns, zur Belohnung und Erholung, nicht wahr? Es kommt mir so ewig lange vor, daß Sie weggingen! Frl. Oser kommt ja dann auch zu Ihnen, wie sie mir schrieb; leider sah ich sie bei der Durchreise nicht.
Mit der Versicherung treuer Liebe und Verehrung
Ihre
Marie.

  Absender: Oriola, Marie von, geb. Christ, verh. Berna (2699)
  Absendeort: Büdesheim
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 549ff.
 



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