19.12.2019

Briefe



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ID: 19264 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.04.1879
 

Berlin d 1 April 79
Verehrte Frau.
Ich sende Ihnen, was ich an Papieren unsers lieben Felix noch habe und hätte es gleich nach Empfang Ihrer lieben Zeilen gethan, wenn mich Ihr Brief nicht in einem Wirrsal von Geschäften gefunden hätte, die mich abhielten, sofort Ihre Wünsche zu erfüllen. Es war eigentlich mein Vorsatz gewesen, noch bei Felix Lebzeiten sie zu senden und ihm darüber zu schreiben; denn abgesehn von manchem Irrthum, sind doch so viel poetische und schöne Gedanken in der Arbeit, daß ich wohl Stoff gehabt hätte, ihn zu loben. Der Tod ist mir zuvorgekommen, und ich mache mir jetzt Vorwürfe darüber, meinen Vorsatz nicht rascher ausgeführt zu haben; es würde ihm vielleicht einen frohen Augenblick gemacht haben. Ich kann Ihnen nicht sagen, verehrte Frau, mit welcher Wehmut ich an unsern lieben Todten denke, wenn ich mich erinnere, mit wie schönen Hoffnungen ich ihn aus meinem Hause scheiden sah, wie früh er auf dem Meere des Lebens Schiffbruch gelitten hat und wie wenig Liebe und Sorge ihn aus den Gefahren hat retten können, in die er gerathen war. Ich verstehe die Bitterkeit Ihres Vorwurfs, daß er zu wenig vom Leben genossen habe, vollkommen, und doch halte ich ihn für eine Ungerechtigkeit, die Sie Sich Selbst zufügen. Freilich hat unser armer Felix sehr gelitten, aber hat er nicht eine unendliche Liebe u Pflege genossen, wie Sie nicht vielen zu Teil wird? Hat Ihre Liebe nicht durch Opfer aller Art ihm alle Wege geebnet? Ist das Gefühl der Oede u Einsamkeit, daß [sic] Sie empfinden, nicht ein Beweis mehr, wie groß Ihre Sorge um ihn gewesen ist? Nein, verehrte Frau, wenn das Bewußtsein unserm lieben Dahingeschiedenen, so weit es in unserm Vermögen stand, Alles gewährt zu haben, was Ihnen gut und heilsam war, wenn das Bewußtsein etwas Tröstendes hat, so haben Sie auf diesen Trost den gerechtesten Anspruch und können mit Befriedigung auf die Vergangenheit zurückblicken.
Eine Bitte möchte ich Ihnen im Namen der Meinigen aussprechen. Wir wünschen sehr eine gute Photographie von Felix zu besitzen, aber nicht, wie er als Knabe war, eine solche habe ich, sondern aus seinen späteren Jahren. Sollten Sie uns diesen Wunsch gewähren können, so würden Sie uns mit großer Freude erfüllen. Mit herzlichster Teilnahme grüßen wir alle Sie und Ihre Fräulein Töchter.
In alter Freundschaft und Liebe
Ihr ergebenster
Planer

  Absender: Planer, Hermann (1190)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
453
 



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