19.12.2019

Briefe



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ID: 19265 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 14.09.1856
 

Leipzig d. 14t. Spt 1856.

Theure verehrte Clara!

Sie haben Ihren [sic] theuren geliebten Robert in seinen letzten Lebenstagen noch pflegend nah sein dürfen; – das hat mir wahrhaft wohl für Sie gethan, da es Ihnen das innigste Seelen-Vereint-sein und bleiben in alle Ewigkeit mit Ihm, als die trostreichste Gewißheit in Ihr Herz gelegt haben wird. Fordern Sie dem Himmel einen Verklärten nicht zurück – ist er doch, in seiner Heimath! –
„Blicke auf zu Gottes Höhen,
Einst strahlt Dir ein Wiedersehen
Gott verläßt die Seinen nicht;
Prüfung ist das Erdenleben,
Glauben hat er uns gegeben
Wenn die letzte Hoffnung bricht,
Und Du weißt ihn ja geborgen,
War des Lebens Weh und Sorgen
ist Er nun im sichern Port;
Hast Du Ihn auch nicht hienieden
Er ist nicht von Dir geschieden
Nahe bleibt Er Dir – auch dort![“]
Fern von meiner Heimath kam mir die Nachricht des Ereignisses zu, das so tief Ihr innerstes Leben anrührt! – Aber bei Allem was groß u heilig – sah ich Sie geliebte Clara – auch groß u., treu u. fest den Willen Gottes auf- an- u. hinnehmen! Mög Ihnen das Bewußtsein Ihren [sic] unvergeßlichen Robert das Höchste gewesen zu sein Ihnen noch schöne Stunden ohne Ihm [sic] – zuführen, Ihnen den Kinder-Schatz der gütige Gott ungetrübt erhalten, u. Sie zu jeder Zeit das Hochgefühl beglücken: „daß ungetheilte treue Freundschaft Ihnen überall zur Seite steht!“ –
Jetzt erst heimkehrend von Frankfurth a/m. wo viel Grüße mir für Sie gegeben wurden, eil ich zu Ihren 2 Töchterchen, diese zu sehen, u sie zu bitten, dieß Blatt in Ihre Hand zu bringen, da Sie auf einer kleinen Reise vor 14 Tagen begriffen waren, (als ich 2 Tage in Leipzig,) und dieser Ausflug Ihnen so recht das neugestärkte Leben zuführen möge, wodurch Sie so All-Erfreuend im Leben wirken. Wie u Wo Sie auch sein mögen Ueberall denkt Ihrer liebend
Ernestine Platzmann-Preußer.

Preußers reisen d. 16t. Spt nach Frkfurth zu Caroline die wohl ist. –
d 17t. Spt Der Brief ward aufgehalten, da Preußers gestern hier durchreisten nach Frankf. a/m. zu Caroline Gontard. Die Verspäthung des Dresdn. Zugs machte ihre sofortige Weiterreise ohnmögl bis Abds 1/2 11 Uhr.), Alles kam zu mir, u Ihre lieben 2 Töchter auch – die ich prächtig wohl u nett, u zufrieden in u mit ihrer Lebensweise fand. Beide lassen die HerzensMama aufs wärmste grüßen; Mariens Wesen, Stimme u Antlitz, erinnert unendlich an Sie theure Clara. – Alles kam Preuß. mit viel Liebe entgegen. Kein Wunder wenn es weich u wehmüthig ihnen ward. Livia10 seit 8 Tage hier, u 4 Wochen Arnold von Husten u Unwohlsein (das aber nicht das frühere Wesen des Hustens hat) geplagt, soll nach dem Ausspruch All Anderer doch sehr matt u angegriffen aussehen. Livia daher auch müder. Ihnen gehe es in der schönen Luzerner-u See- u Berg-Welt, erhebend wohl u froh – denn das Schauen in Ruhe auf solche Werke der hohen Macht Gottes senkt erhebendes Wohlsein u Freudigkeit in das einsamste wie gebeugteste Gemüth. Mögten Sie dann auch gern wieder zu den Menschenfreunden kommen – die liebend – Aller Orten Ihrer harren. – In 14 Tage kehren Preuß. zurück das 1 Concert hier mit zu erleben, welches d 5 Oct. angesetzt ist. –
Herrn Henkel in Frkfurth grüßt mit heißer Theilnahme, ich hörte ihn Orgel spielen. Es geht ihm wohl.

  Absender: Platzmann, Ernestine, geb. Preußer (1191)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
289ff.
 



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